Archiv des Autors: Leed M.A.

Tiefbegabte Bingokugeln

Andreas Steinhöfel ist einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren der letzten Jahre. Mit den beiden Charakteren Rico und Oskar ist es ihm wiederum gelungen, in die Welt von Kindern einzutauchen und nicht nur eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch unseren Alltag, insbesondere den des Großstadtmilieus, zu beobachten, aus der Sicht eines Kindes zu beschreiben und dabei mit viel Sprachgewandtheit und Humor auch ernste Themen zu beleuchten.

So treffen wir mit Rico als Erzähler auf einen tiefbegabten Jungen, der von seinem Lehrer in der Förderschule aufgefordert wurde, ein Ferientagebuch zu schreiben. Rico lebt mit seiner Mama in Berlin, in der Dieffe 93. Er kann sich keine Wege merken und muss daher immer geradeaus gehen, aber er kann sehr gut erzählen, auch wenn er immer ein wenig abschweift und viele Worte nicht kennt. Außerdem muss er auf die Bingokugeln in seinem Kopf aufpassen, denn wenn er zu viel denkt, geraten die ganz schön durcheinander und dann wird es mit dem Denken gar nichts mehr. Eines Tages trifft Rico auf den hochbegabten, aber stets einen blauen Sturzhelm tragenden Oskar, der sich über den komischen Jungen wundert, ihn aber zusehends ins Herz schließt. Die Zwei verabreden sich zu einem erneuten Treffen, aber Oskar taucht nicht auf. Rico ist enttäuscht, aber dann erfährt er aus dem Fernsehen, dass Oskar von dem Entführer Mister 2000 entführt wurde. Mister 2000 hält ganz Berlin in Atem. Er entführt seit Wochen Kinder und verlangt von ihren Eltern ein Lösegeld von zweitausend Euro. Rico beschließt, sich auf die Suche nach Oskar zu machen und dabei sind ihm seine Orientierungslosigkeit und die Bingokugeln nicht gerade behilflich. Aber es gibt ja doch einige Erwachsene, auf die man bauen kann, und auch wenn Rico tiefbegabt ist, so fehlt es ihm nicht an detektivischem Gespür, das ihn schließlich auf eine ganz unvermutete Fährte und in die Arme des Entführers führt.

Das Wunderbare an der Geschichte um die Tieferschatten ist, dass es nicht nur Ricos Versuche, Oskar zu finden, sind, die sie spannend machen, sondern Ricos Betrachtungen der Welt, in der er lebt. Seine Art Wörter, die er nicht kennt, leicht zu beschreiben, verursacht öfter ein Schmunzeln und das Gefühl, dass wir als Erwachsene doch um viel zu viele Ecken denken. Die Charaktere des Kinderbuches stehen weit im Vordergrund und machen sie daher so unglaublich liebenswürdig. Alle sind ein wenig verschroben und durchgeknallt, ganz besonders die Bewohner der Dieffe 93. Besonders angenehm empfinde ich dabei, dass diese Charaktere nicht vor Berührungen zurück scheuen. Da gibt es einfach keine klischeehaften Bösen oder Guten, es gibt keine harten Jungs oder rosa Prinzessinnen. Nein, da gibt es eben auch mal zwei befreundete Jungs, die sich an der Hand nehmen oder in den Arm oder die in einem Bett zusammen schlafen, ohne dass ein Aufschrei ertönt. Aber Steinhöfel schafft es auch die Umgebung lebendig zu gestalten und uns durch einen Teil Berlins zu geleiten, wo ein Großteil seiner Geschichten spielen. Dazu trägt auch in hohem Maße der Schreibstil bei, der aber viele kleine versteckte Details enthält, die jüngeren Kindern vermutlich gar nicht auffallen werden. Daher ist das Buch durchaus auch etwas für Jugendliche und Erwachsene geeignet, empfohlen ab 10, richtig zu genießen aber wahrscheinlich erst ab 12-14.

Trotzdem ist Rico, Oskar und die Tieferschatten eine liebevolle Geschichte mit absolut warmherzigen Charakteren, die Groß und Klein gefallen wird. Am besten zusammen lesen und richtig genießen und danach gleich noch mal lesen!


84 Der Schlangenschädel (11)

Der Pfad in den Dschungel
3. Lamashan 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung

In dieser Nacht wurde Kuraz von schrecklichen Träumen geplagt. Menschengroße Krebse jagten sie über das Deck der Jenivere, während hinter ihr ein Lachen zu vernehmen war, das von einer großen Schlange kam. Das Zischen dröhnte noch immer in ihren Ohren, als sie erwachte und von der aufsteigenden Sonne bereits wieder geblendet wurde. Sie war schweißgebadet, ohne sich auch nur einen Zentimeter bewegt zu haben. Sie setzte sich auf und atmete tief durch, bevor sie nach den anderen Ausschau hielt. Die meisten schliefen noch, doch Emere stand mit beiden Füßen im Wasser und blickte über das Meer. Sie wirkte nachdenklich, beinahe verzweifelt. Kuraz raffte sich auf und überlegte, ob sie sich zu ihr gesellen sollte, aber vielleicht brauchte Emere einfach etwas Zeit für sich. Da sie sonst nichts zu tun hatte, begann Kuraz ihre Sachen zusammen zu packen.
„Guten Morgen.“
„Oh, Emere, ich dachte, du willst vielleicht allein sein. Da habe ich schon angefangen…“
„Ist gut, du musst dich nicht rechtfertigen. Ich wollte dir nur guten Morgen sagen. Hast du gut geschlafen?“
„Es ging. Ich hab‘ was ziemlich Merkwürdiges geträumt. Von einer Schlange, keine Ahnung.“
„Hm, weißt du, ich habe mir Gedanken gemacht, was diese Ieana hier wollen könnte, warum sie dazu den Kapitän missbraucht und uns alle beinahe getötet hat. Aber ich komme einfach nicht darauf. Ihre Forschungen, womit auch immer sie sich beschäftigen mögen, können all das nicht rechtfertigen. Vielleicht ist sie besessen von etwas.“
„Ich weiß nicht. Ich will eigentlich nur, dass wir alle hier überleben und von der Insel runter kommen.“
„Na hör mal, ich dachte, du willst ein richtiger Abenteurer werden! Da müssen dich doch ihre Beweggründe interessieren. Verspürst du denn gar keine Lust, ihr zu folgen und herauszufinden, was sie will?“
Kuraz versuchte das Verlangen zu spüren, Ieana zu folgen, aber stattdessen wurde ihre Aufmerksamkeit auf ihre Begleiter gelenkt und darauf, dass sie sich wünschte, sie würden alle überleben.
„Nein, ich glaube nicht. Vielleicht, wenn es nur um mich ginge, aber ich denke, es ist erst einmal wichtiger, dass wir uns alle in Sicherheit begeben. Was mit Ieana ist, können wir später noch klären.“
„Du bist so süß, weißt du das? Aber ihr armen Kinder müsst ja auf der Straße möglichst auch zusammen halten.“
Emere tätschelte ihren Kopf, als wäre sie ein Hund. Kuraz kräuselte gekränkt die Nase.
„Ich komme nicht von der Straße! Ich habe Eltern und eine Schwester und auch wenn wir nicht viel Geld haben, kommen wir gut zurecht! Ich brauche dein Mitleid nicht!“
Die Worte waren schärfer ausgesprochen, als sie es beabsichtigt hatte. Sie hatte Emere nicht anschreien wollen, denn immerhin, auch wenn die Taldani sie bevormundete, war sie es doch gewesen, die ihr diese Reise überhaupt erst ermöglicht hatte, das rief sich Kuraz immer wieder in ihr Gedächtnis zurück, auch wenn es sie langsam nervte.
„Du verbringst ein bisschen zuviel Zeit mit unserer Elfe, für meinen Geschmack. Ich bemitleide dich nicht, doch du bist noch ein Kind, Kuraz, auch wenn du erwachsen erscheinen magst und gute Entscheidungen triffst. Du solltest froh darüber sein, dass es jemanden gibt, der sich um dich kümmert.“
„Ja, das bin ich ja, aber ich…“
Emere streckte ihre Arme aus und legte ihre Hände auf ihre Schultern. Obwohl sie schwer waren, fühlten sie sich beruhigend an und Kuraz hätte sich gerne an sie gelehnt und diesen Moment eine Weile genossen, aber allein der Gedanke daran beschämte sie, so dass sie den Blick senkte.
„Es ist gut. Du hast mich oft überrascht und ich habe dich unterschätzt. Das tut mir Leid, doch lass mich dich ab und an necken und dir helfen, selbst wenn du diese Hilfe nicht brauchst, in Ordnung?“
Kuraz sah auf. Ihr Wunsch, Emere zu umarmen, wurde noch stärker, bis er sie überwältigte und sie ihre Arme um ihren Körper schlang. Ungefähr zehn Sekunden lang genoss Kuraz das Gefühl, bevor sie Emere wieder los ließ, über das ganze Gesicht strahlte und sich ausgiebig streckte. Die Taldani war sichtlich überrascht, doch schließlich lächelte auch sie, bevor sie mit einem lauten „Guten Morgen“ alle anderen aufweckte.
Kurz nach einem kargen Frühstück schlich Manaal durch das Lager, kniete sich ab und an hin, fuhr mit den Händen über den Sand und trat schließlich zu ihren Gefährten, die mit mehr oder weniger zur Schau gestellter Begeisterung bereit standen.
„Ich denke, ich kann der Spur folgen. Wenn mich nicht alles täuscht, führt sie in die Richtung, in die wir ohnehin wollen. Aber wir müssen uns ein wenig sputen. Noch ein paar solcher Regengüsse mehr und ich werde nicht mehr viel zum Verfolgen haben.“
Keiner protestierte gegen Manaals Vorschlag und selbst wenn manche Proteste empfinden mochten, so waren sie zu müde und zu mitgenommen von der ewigen Hitze. Stumm marschierten sie in gewohnter Reihenfolge durch den Dschungel. Kuraz dachte über ihren Traum mit der Schlange nach und fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Gegen Mittag, als sie eine Pause einlegten, um zu essen und zu trinken, wandte sie sich an Jualy.
„Sag mal, Jualy, können Götter einem auch Träume schicken?“
„Aber natürlich, Kuraz, und das ist noch nicht einmal ungewöhnlich. Sie senden uns ihre Botschaften oft durch unsere Träume, weil sie häufig der einzige Weg sind, um unser Bewusstsein zu durchdringen und zu uns zu gelangen. Aber ich frage mich, welchen Traum dir der Trunkenbold geschickt haben sollte.“
Kuraz grinste schief bei der Erwähnung des Spitznamens ihres Gottes. Es gefiel ihr nicht, dass er nur unter diesem Aspekt gesehen wurde, doch sie sah keine Notwendigkeit darin, sich mit Jualy darüber zu streiten.
„Jedenfalls keinen, in dem es um Hopfen und Malz ging. Ich habe von einer Schlange geträumt. Sie hat gelacht, während mich diese komischen Eurypteriden über das Deck der Jenivere gejagt haben.“
„Eine Schlange?“ Jualy wirkte plötzlich besorgt. „Das ist seltsam, allerdings.“
„Ja, finde ich auch. Was soll das bedeuten? Bedeutet es überhaupt etwas?“
„Gut möglich, weißt du, als ich Alton untersucht habe, habe ich seltsame Bisse bei ihm gefunden. Da ich mir nicht wirklich erklären konnte, woher sie stammen sollten, dachte ich, es seien vielleicht Einstiche vom Stachel der Meeresskorpione, aber jetzt, wo du deinen Schlangentraum erwähnst, wird mir klar, dass sie aussahen wie Schlangenbisse. Allerdings hilft uns das wohl auch nicht weiter.“
„Nein, die Schlange, die wir an Bord hatten, war wohl nur eine sprichwörtliche“, murmelte Manaal, die vor ihnen lief, vor sich her. Kuraz nickte, dachte aber weiter an das schreckliche Zischen und das Lachen der Schlange, bis sie wieder aufbrachen. Manaal nahm keine Rücksicht auf die Schwächeren unter ihnen, sie wollte so schnell wie möglich voran kommen. Als der Nachmittag älter wurde und keine Regengüsse ihre Wanderung aufhielten, waren alle erleichtert, nur Aerys blieb inzwischen weit zurück.
„Sie leidet wohl noch immer an den Folgen des Strandens. Ich werde sie nachher untersuchen müssen.“
„Ach was, Jualy, sie leidet nur an den Folgen ihrer eigenen Dummheit“, wandte Emere ein. „Sie hat wohl schon länger nichts mehr getrunken. Ich nehme an, dass sie Entzugserscheinungen hat.“
„Umso mehr sollten wir uns um sie kümmern, sonst wird sie zusammen brechen. Ich bringe ihr Wasser.“
„Wartet! Seht mal!“
Manaal war stehen geblieben und deutete auf eine Art Hecke, ein gewaltiges Dickicht, das scheinbar ausschließlich aus Dornen bestand. Kuraz schauderte bei dem Gedanken, da hindurch zu müssen. Leider schien die Spur, die sie verfolgten, geradewegs in das Dickicht zu führen.
„Ich glaube einfach nicht, dass sie wirklich da durch marschiert sind“, mutmaßte Manaal und ging in die Hocke, um die Spur zu verfolgen. „Nein, außen herum. Aber das könnte uns Stunden kosten.“
„Ich werde da sicher nicht hindurch waten, Manaal!“
„Nein, das würde ich dir auch nicht raten. Das sind Vipernnesseln, äußerst sympathische Vertreter ihrer Art. Ihr Gift ist um einiges stärker als das normaler Nesseln wie Brennnesseln. Allerdings könnten ihre Beeren Aerys helfen.“
„Ihre Beeren?“ Kuraz versuchte die Beeren zu finden, von denen Manaal sprach. Sie waren rot wie Äpfel, aber sie wuchsen inmitten des Dickichts und waren unerreichbar. „Diese Beeren?“
„Genau diese Beeren, Kuraz. Sie heilen Krankheiten und Süchte, aber ob es das wert…Kuraz!“
„Das glaub ich jetzt einfach nicht! Komm zurück, du dummes Kind!“ rief Emere ihr noch hinterher, aber Kuraz watete bereits durch das Dickicht aus Dornen, die sich ständig in ihre Haut bohrten. Mit einigem Geschick schaffte es Kuraz, ihnen so auszuweichen, dass sie nicht durch ihre Haut stachen, trotzdem atmete sie auf, als sie endlich die Beeren erreicht hatte. Ihre Haut kribbelte überall. In aller Eile sammelte sie die Beeren ein, bis sie zwei Handvoll hatte. Gerade als sie nach der letzten Beere greifen wollte, übersah sie eine der kleineren Dornen, die einen blutigen Kratzer an ihrer Hand hinterließ. Kuraz spürte, wie ein schrecklicher Juckreiz sich sofort über ihren gesamten Arm ausbreitete. Sie musste zurück und zwar schnell. Die Sonne brannte auf ihr Gesicht und ihr wurde schwindlig. Der Rückweg war anstrengend und sie fühlte sich schrecklich. Torkelnd trat sie aus dem Dickicht der Vipernnesseln und fiel Emere direkt in die Arme.
„Wie bin ich bloß auf die Idee gekommen, deine Überfahrt zu bezahlen? Du bist einfach…“
Den Rest bekam Kuraz nicht mehr mit. Sie wurde ohnmächtig, aber das beendete ihr Leiden keinesfalls, denn in ihren Träumen saß sie in den Vipernnesseln fest. Ein schreckliches Zischen begleitete ihre verzweifelten Versuche den Stichen der Dornen zu entgehen, die sich wie Schlangenbisse anfühlten. Keuchend rang sie mit den Pflanzen, die sich um ihre Knöchel rankten, sie zu Fall brachten und sie in die Augen der Schlange blicken ließen, die ihr gewaltiges Maul aufriss und ihr direkt ins Gesicht zu beißen drohte.
„Kuraz? Komm zu dir. Du musst etwas trinken.“
Kuraz versuchte tief zu atmen. Was war passiert? War sie noch im Dickicht? War sie gestorben? Wie viel Zeit war vergangen? Sie spürte die kühle Nachtluft, um sie herum war es dunkel und sie war dankbar dafür.
„So jemanden wie dich habe ich wirklich noch nie getroffen. Hätte ich geahnt, was für einen Ärger du uns machst, hätte ich dich in Magnimar gelassen. Jetzt trink etwas!“
Ihr Kopf wurde angehoben, eine Schale wurde an ihren Mund gesetzt, sie spürte eine warme Flüssigkeit ihre Kehle hinunter laufen, aber es fühlte sich gut an. Sie öffnete die Augen und gähnte, als hätte sie drei Tage hindurch geschlafen.
„Schön, dass du wieder unter uns Lebenden weilst. Wie geht‘s dir?“
„Ich glaube, ganz gut. Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen ganzen Tag. Jask hat dich gestern durch den Dschungel geschleppt, bis wir einen vernünftigen Lagerplatz gefunden haben. Seitdem wachen wir hier über dich, wieder einmal. Ich weiß bald nicht mehr, was ich mit dir anfangen soll. Wieso bist du bloß da rein gegangen? Dein ganzer Körper war übersät mit einem hässlichen Ausschlag! Zum Glück konnte Jualy dich heilen und deine Wunden schließen, sonst wären gleich noch Insekten über dich hergefallen.“
„Es tut mir Leid. Ich dachte nur, dass es Aerys helfen würde, von den Beeren zu essen.“
„Das hat es auch. Es geht ihr um einiges besser, aber es wäre nicht nötig gewesen. Entzugserscheinungen ebben irgendwann ab. Außerdem trägt sie selbst Schuld an ihrem Elend, das hättest du nicht tun sollen.“
„Aber es hat ihr geholfen.“ Kuraz ließ sich auf ihren Schlafplatz zurück sinken. „Das war es wert.“
„Bitte, wie du meinst, aber das nächste Mal lassen wir dich einfach liegen. Du hältst uns ständig auf.“
„Tut mir Leid, ehrlich.“
„Jetzt setz nicht schon wieder deinen Hundeblick auf! Versuch noch ein wenig zu schlafen. Morgen gehen wir weiter und du solltest fit sein, denn ich werde nicht noch mal zulassen, dass einer von uns dich durch den Dschungel tragen muss, hast du das verstanden?“
„Zu Befehl, Kommandant!“
„Werd‘ ja nicht noch frech! Töricht und vorlaut, das habe ich wirklich gern!“
Emere schimpfte noch, als sie sich bereits, nicht weit entfernt von Kuraz, auf ihre Lagerstätte gelegt hatte. Kuraz beobachtete durch das Dach der Bäume den Himmel und die zahlreichen Sterne, die sie in Magnimar nur selten gesehen hatte. Es war wirklich dumm gewesen, sich dieser Gefahr auszusetzen, aber wenn es Aerys nun besser ging, kamen sie schneller voran. Mochte die Halb-Elfe auch Schuld an ihrem Zustand tragen, so war Kuraz doch froh, die Beeren gesammelt zu haben.
„Töricht und vorlaut, jawohl!“
Kuraz lachte leise, bevor sie die Augen schloss und in dieser Nacht von keiner Schlange verfolgt wurde, zumindest nicht in ihren Träumen.

Die roten Augen der Nacht
5. Lamashan 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung

Am sechsten Tag ihrer Reise war die Hitze beinahe unerträglich. Kuraz war dennoch guter Dinge. Sie konnte sich nicht erinnern, sich während ihrer Reise schon jemals so gut gefühlt zu haben. Bis auf Jask schien jedoch keiner ihren Enthusiasmus teilen zu können. Es war bereits später Nachmittag, als der kleine Fluss, dessen Verlauf sie seit dem Dickicht gefolgt waren, versiegte.
„Na schön, weiter kommen wir heute nicht. Lasst uns hier das Lager aufbauen. Ich bin echt fertig.“
„Hört, hört, die Elfe ist fertig. Dann war dies wirklich ein anstrengender Tag“, spottete zur Abwechslung einmal nicht Emere, sondern Gelik, der seine Reisegefährten anscheinend zwar mochte, sich aber den einen oder anderen Kommentar nicht verkneifen konnte. Manaal schenkte ihm nicht weiter Beachtung, sondern machte sich daran, gemeinsam mit Jask das Lager aufzubauen. Der tägliche Regen ließ sich Zeit, bis die Hälfte des Lagers stand, dann brach der Regenguss über sie ein. Zusammen gedrängt standen sie unter dem halbfertigen Zeltdach, während um sie herum das Licht der Sonne erlosch und es dunkel wurde.
Erst spät in der Nacht war das Lager fertig und mit Jualys Hilfe hatten sie es geschafft, trotz nasser Zweige, ein kleines Feuer zu entzünden, an dem Kuraz saß, um Wache zu halten. Sie war müde und hätte lieber geschlafen, aber obwohl ihnen bisher nichts Bösartigeres außer den Vipernnesseln über den Weg gelaufen war, konnten alle besser schlafen, wenn einer von ihnen das Lager bewachte. Doch es fiel ihr schwer, die Augen nach diesem Tag noch offen zu halten. Sie versuchte, daran zu denken, was hinter ihnen lag und was noch auf sie warten würde. Sechs Tage befanden sie sich inzwischen auf dieser Insel. Sie kamen nur langsam voran und wie Kuraz es sah, lag das vor allem an ihr. Zweimal hatten sie inzwischen wegen ihr einen längeren Halt einlegen müssen. Kuraz seufzte leise.
„Vermutlich hat Emere recht. Du bist noch ein Kind. Die anderen sind viel erfahrener und kommen mit der Situation besser zurecht. Die machen nicht so leicht schlapp! Also wirst du dich jetzt auch zusammen reißen!“
Plötzlich raschelte es hinter ihr. Kuraz sprang auf die Beine und wandte das Gesicht dem dichten und dunklen Dschungel entgegen. Sie konnte nichts erkennen, aber da war etwas gewesen.
„Nur einer dieser komischen Hasen, ganz bestimmt. Kein Grund, nervös zu werden. Alles in Ordnung.“
Kuraz erstarrte. Vor ihr in der Dunkelheit glühte ein rotes Augenpaar auf. Das varisianische Mädchen sog die sie umgebende Luft ein, bis ihre Lunge zu platzen drohte. Beim Ausatmen zwinkerte sie mehrmals und als sie wieder an die Stelle sah, wo das rote Augenpaar sie beobachtet hatte, war nichts weiter außer Finsternis.
„Einbildung, alles nur Einbildung, ich hab mir das nur eingebildet.“
Kuraz zitterte am ganzen Leib und wäre am liebsten zu Emere gekrochen, um sie aufzuwecken, aber diese Blöße konnte sie sich nicht geben. Emere und mit Sicherheit auch Gelik würden sie ewig verspotten und sie als Kind ansehen. Deshalb atmete Kuraz ein paar Mal tief durch und ließ sich auf ihrem Platz nieder, wobei sie weiterhin das untrügliche Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Nach einer Weile aber besiegte die Müdigkeit ihre Angst und wenn Kuraz nicht während des Einnickens das ewige Zischen der Schlange aus ihren Träumen im Ohr gehabt hätte, was sie nicht mehr ruhig schlafen ließ, dann hätte die riesige Spinne, die sich leise und gemächlich von einem der Bäume, an denen sie ihre Planen befestigt hatten, herab ließ, eine leckere und einfach zu verspeisende Mahlzeit gehabt. Doch gerade als die Spinne mit ihren Giftzähnen eine Probe von Kuraz‘ Hals nahm, erwachte das Mädchen und schlug aus Panik wild um sich.
„Spinne! Spinne!“ schrie sie durch das ganze Lager und weckte schlagartig ihre Gefährten, die sich in der Dunkelheit erst einmal orientieren mussten. Kuraz rollte dagegen zur Seite und zog ihr neues Kurzschwert hervor. Sie hieb nach einem der acht behaarten Beine und schlug es vom Körper der Spinne, die sich daraufhin auf ihre anderen Beine stellte und bedrohlich zischte, was Kuraz nur noch mehr an die Schlange aus ihren Träumen erinnerte.
„Mistvieh! Wir sind kein Mitternachtsmahl, verstanden?“ Manaal fischte nach ihrem Langschwert, bekam es zu fassen und schlug nach der Spinne, die aber flink genug war, um der Klinge zu entgegen. Kuraz rappelte sich wieder auf, als ihr Ohr dieses Mal nicht von einem Zischen, sondern von Emeres Stimme berührt wurde. Wie bereits im Rumpf der halbgesunkenen Jenivere, tänzelte die Frau auf die Spinne zu und sang dabei ein Lied, das Kuraz nicht nur äußerst gut gefiel, sondern in ihr auch neue Hoffnung zu wecken schien. Sie sprang der Spinne mit einem Schrei entgegen und verfehlte sie nur um wenige Millimeter, doch ihr Sprung hatte die Spinne genau in Manaals Richtung ausweichen lassen und die Elfe nutzte den Moment. Mit einer Präzision, die nur Elfen eigen ist, glitt die Klinge ihres Langschwertes in den Leib der Spinne, die einen hohen, markerschütternden Schrei von sich gab, bevor ihre verbliebenen Beine unter ihr nachließen und sie zu Boden fiel.
Angewidert zog Manaal ihr mit grünem Schleim bedecktes Schwert aus dem Hinterleib der Spinne und reinigte es mit einigen Blättern, bevor sie die Klinge in die Scheide zurück gleiten ließ. Kuraz machte es ihr nach und versuchte dabei möglichst erfahren und sicher zu wirken, wobei sie zwei Anläufe brauchte, um das Schwert zurück zu stecken. Sie war es eben nicht gewohnt, eine solch prächtige Waffe mit sich zu führen.
„Das war knapp! Kuraz, alles in Ordnung?“ Emere klang wenig besorgt und sah sie nicht einmal an. Kuraz fand es beinahe schade, nicht von ihr getröstet und bemuttert zu werden, andererseits hatte sie es selbst so gewollt.
„Ja, alles bestens. Allerdings hat sie mich angeknabbert. Aber das ist nichts weiter!“
„Angeknabbert?“ Jualy schritt vorsichtig an der Spinne vorbei und griff Kuraz in den Nacken, wo sie die zwei schmerzhaften Bissmale betastete. „Setz dich da drüben hin! Ich muss sehen, ob sie dich vergiftet hat!“
„Nein, mir geht‘s gut, ehrlich! Es hat kurz gekribbelt, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.“
„Kuraz, tu was ich dir sage!“
Zwei Sekunden später saß Kuraz mit nach vorn gebeugtem Kopf und wartete, bis Jualy ihre Untersuchung abgeschlossen hatte. Sie hatte die kleine Wunde zudem mit einem kühlen Brei, gewonnen aus einer einzigen Beere der Vipernnesseln, bestrichen.
„Die Wunde sieht sauber aus. Vermutlich konnte sie nicht lange genug beißen, um dir ihr Gift zu injizieren, du hattest Glück. Aber du solltest bei deiner Wache vorsichtig sein und wenn du dich verletzt, zeig es mir gleich! In Magnimar mag ein Kratzer nur ein Kratzer sein, hier ist er gleichzeitig Nahrungsquelle und Nistplatz für Insekten!“
„Ja, es tut mir Leid, ich wollte dir nicht widersprechen. Ich wollte nur nicht, dass du dir umsonst Sorgen machst.“
„Du bist eben doch noch ein Kind!“ schimpfte Emere und ließ ihre Hand durch Kuraz‘ verschwitzte Haare gleiten. Sie lächelte dabei, nur Manaal schüttelte den Kopf.
„Als ob das etwas damit zu tun hätte. Ab jetzt werden wir aber noch vorsichtiger sein müssen, deshalb werden immer zwei von uns Wache halten. Und wir müssen besser auf die Bäume acht geben, in deren Nähe wir unser Lager errichten.“
„Ich dachte, du hättest bereits darauf geachtet!“ spöttelte Emere in Manaals Richtung.
„Es tut mir Leid, dass ich in der Finsternis nichts mehr erkennen kann. Wenn wir endlich ein festes Lager aufschlagen könnten, wäre das alles kein Problem.“
„Na schön, ihr habt mich davon überzeugt. Lasst uns morgen nach einem geeigneten Ort für ein Lager suchen. Der Karte nach zu urteilen sind wir zwar nicht weit gekommen, aber vom Leuchtturm sind wir höchstens zwei oder drei Tagesreisen entfernt. Ohne Gepäck vielleicht noch weniger. Wie sieht es mit den Spuren der anderen aus?“
„Wenn der Regen heute nicht alles verwischt hat, dürfte ich sie auch weiterhin verfolgen können.“
„Prima, dann stört es euch doch bestimmt nicht, wenn wir jetzt eine Runde weiterschlafen, oder? Ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Es hat seine Gründe, warum ich so fabelhaft aussehe!“
Kuraz grinste Gelik an, der ihr ein Zwinkern schenkte und sich auf die andere Seite drehte. Kurze Zeit später erklang sein charakteristisches, fiependes Schnarchen. Manaal und Tascha übernahmen die nächste Wache, doch Kuraz konnte dennoch nicht gut einschlafen. Sie erinnerte sich an das Zischen der Schlange und an die schrecklichen roten Augen, die sie gesehen und von denen sie den anderen lieber nichts erzählt hatte. Sie hoffte nur, dass sie wirklich nicht mehr allzu lange auf der Insel würden verweilen müssen, aber wenn sie weiter so voran kamen, wäre das wohl unausweichlich.


83 Der Schlangenschädel (10)

Der erste Morgen
30. Rova 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung

Kuraz stand mit den Füßen im warmen Wasser und balancierte das Schwert in ihren Händen. Es war nicht das ihre. Auf ihrer zweiten Erkundungstour hatte Manaal es dem toten Maat aus der Hand genommen und ihr gegeben. Es war wesentlich schöner gearbeitet als ihres und es wog kaum schwerer in ihrer Hand. Dennoch fühlte sich Kuraz unwohl dabei, den ersten Maat, Alton, einfach so zu bestehlen, wenn er auch tot war.
Die Sonne brannte noch nicht dermaßen heiß wie in den Mittagsstunden. Kuraz ließ die Klinge des Schwertes daher mehrere Male die Luft zerteilen, doch sie konnte nichts von dem Hass spüren, den sie dem Eurypterid gegenüber gefühlt hatte. Sie wusste nicht mehr, warum sie so auf den eigenartigen Krebs losgegangen war.
„Kuraz!“
Sie wandte sich um. Manaal hatte die Hand gehoben, um sie heran zu winken. Sie war bereits dabei, das Lager abzubauen. Sie wollten zunächst in südöstliche Richtung weiterziehen. Kuraz wusste nicht, ob es eine gute Idee war. Außer ihren Gefährtinnen schienen die anderen Überlebenden die Nacht in eher zweifelhaftem Zustand überstanden zu haben. Aerys rührte sich kaum und befeuchtete ständig ihre Lippen. Von der zuvor recht mutigen Tascha war nichts mehr übrig. Sie war gereizt und anstrengender als Emere. Ja, selbst Ischiro schien nicht gut geschlafen zu haben. Kuraz hatte bereits versucht, mit ihnen zu sprechen, doch sie waren unzugänglich. Allein Gelik hatte seine Scherze, meist auf Kosten Emeres und Manaals, gerissen und Jask schien guter Dinge, obwohl sich alle weigerten, ihm seine Sachen wiederzugeben. Kuraz hatte bereits überlegt, ob sie es entgegen des Willens der anderen geben sollte, aber sie mussten in dieser Situation zusammen halten. Etwas anderes blieb ihnen nicht übrig.
„Ich komme schon!“ rief Kuraz zurück und trottete, mit einem letzten Blick auf die Jenivere, zurück zum abgebauten Lager. Emere verstaute gerade den am Vortag gefundenen Tornister in ihrem Rucksack.
„Da bist du ja. Du solltest nicht so trödeln und steck das Schwert weg, bevor du dir noch das Auge ausstichst!“
Widerwillig befestigte Kuraz das Schwert neben ihrem eigenen und dem Dolch von Jask. Emere war gut gelaunt, aber das hielt sie anscheinend nicht davon ab, sie noch immer zu bevormunden. Manaals Blick war eindeutig, aber Kuraz versuchte es zu ignorieren, bis Emere ihr den vollgestopften Rucksack reichte.
„Im Tornister waren einige Heiltränke. Sei also vorsichtig!“
Kuraz wollte etwas erwidern, aber da befand sich der Rucksack schon auf ihrem Rücken und sie marschierten in Richtung Osten. Manaal führte die kleine Gruppe an, dicht gefolgt von Emere, die immer wieder Blicke über ihre elfische Schulter warf. Kuraz blieb bei Jualy, während der Rest der Überlebenden müde und hungrig hinter ihnen her stapfte. Zur Mittagszeit wurde die Hitze beinahe unerträglich.
„Lange werden wir nicht mehr wandern können. Lasst uns ein neues Lager aufbauen. Wir sollten Nahrung und Wasser suchen. Kuraz, du kommst wieder mit mir. Der Rest kümmert sich um das Lager und achtet darauf, dass alles wasserdicht ist. Ich nehme an, dass es bald wieder regnen wird.“
Es waren die ersten Worte seit Stunden und sie kamen Kuraz völlig surreal vor. Die Hitze benebelte ihre Sinne und die Insekten, die ihren Kopf umschwirrten, sorgten nur dafür, dass sie noch unwirscher wurde. Deshalb verspürte sie nicht die geringste Lust, mit Manaal jagen zu gehen. Sie wollte sich lieber im Schatten der Planen ihres Lagers ausruhen. Doch bevor sie sich versah, war sie an Manaals Seite im Dschungel verschwunden. Immer wieder streiften Farne ihr Gesicht und feine Spinnweben kitzelten ihre Nase.
„Ich mag nicht mehr.“
„Was ist denn mit dir? Gestern warst du doch noch so optimistisch, dass wir von hier wegkommen und jetzt machst du schon schlapp?“
„Tu ich nicht, aber es ist so schrecklich heiß.“
„Warum schleppst du auch diesen Rucksack mit? Gib ihn her!“
„Aber nicht wegschmeißen! Da sind Heiltränke drin.“
Manaal knurrte leise bei der Anspielung auf ihren Fauxpas am vorherigen Tag, doch dann nahm sie Kuraz den Rucksack ab, was für das Mädchen eine wahre Wohltat war. Sie atmete tief durch und versuchte zu lächeln.
„Wir haben alle Durst, das ist das Problem. Wir müssen Wasser finden, Kuraz, das ist wichtiger als Nahrung.“
„Sag das mal meinem knurrenden Magen! Wenn wir Jask sein Heiliges Symbol wiedergeben würden, könnte er Wasser erschaffen, hat er gesagt. Warum macht Emere das nicht?“
„Weil sie ihm nicht vertraut und ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Er ist sehr freundlich und ich möchte ihm glauben, Kuraz, aber es gibt einen Grund, warum er ein Gefangener gewesen ist. Außerdem hat auch Jualy schon Wasser für uns erschaffen, aber es reicht nicht für alle.“
„Nein, deshalb wäre es ja gut, wenn Jask es auch machen würde.“
Manaal seufzte und fuhr Kuraz durch die verschwitzten Haare.
„Na schön. Lass uns mit den anderen noch mal darüber diskutieren, wenn wir wieder im Lager sind. Jetzt brauchen wir aber etwas zu essen, denn Wasser allein wird uns nicht ernähren. Komm!“
Sie zogen bis zum frühen Nachmittag durch den Dschungel. Kuraz kämpfte immer wieder gegen kleine Insekten, die nach ihrem Blut gierten. Manche von ihnen stachen sie und kleine Pusteln entstanden, die ordentlich juckten, aber nach einer Weile wieder abschwollen. Als der nachmittägliche Regen einsetzte, waren die beiden wieder im Lager. Sie hatten einen weiteren Hasen erbeutet und einen Vogel mit prächtigen Federn, aber einem schmalen Brustkorb.
„Meinen Berechnungen zufolge könnte es beinahe eine Woche dauern, bis wir den Leuchtturm erreichen. Wir kommen schlecht voran. Vielleicht sollten wir uns lieber entlang der Küste bewegen. Das würde unser Problem der Wasser- und Nahrungsbeschaffung erleichtern. Außerdem wird die Fortbewegung an der Küste einfacher.“
„Wenn du Jask sein Heiliges Symbol zurück gibst, haben wir kein Problem mit Wasser!“ wandte Kuraz ein.
„Kuraz, darüber haben wir gesprochen.“
„Nein, noch nicht wirklich, Emere.“ Manaal warf einen kurzen Blick auf Kuraz. „Überhaupt haben wir wenig geplant. Ich hatte gehofft, wir würden besser voran kommen, aber ich habe das Gefühl, wir haben an einem einzigen Tag höchstens zwei Meilen geschafft. Wir müssen uns überlegen, wie wir vorgehen wollen. Unsere Rucksäcke ständig mit durch den Dschungel zu schleppen, jeden Tag ein neues Lager errichten, Nahrungssuche, Wasser beschaffen, das können wir unmöglich schaffen. Den anderen geht es nicht gut, Insekten quälen uns, wir leiden Hunger und Durst. Ich bin dafür, wir errichten uns ein festes Lager, sobald wir einen weiter im Inneren gelegenen, sicheren Platz gefunden haben, und versuchen von dort aus an einem Tag den Leuchtturm zu erreichen. Ohne unser Gepäck kommen wir einfach viel schneller voran. Und diejenigen, die im Lager verbleiben, können Wasser und Nahrung beschaffen, damit wären die Aufgaben besser verteilt.“
„Dein Plan wäre vernünftig, wenn wir so verrückt wären, diese Insel erkunden zu wollen, aber wir haben ein Ziel und wir wollen dort mit Mann und Maus hingelangen. Wie stellst du dir das vor? Die einen verbleiben im Lager, während die anderen schon mal den Leuchtturm erreichen und gerettet werden?“
„Unsinn, du weißt genau, wie ich das gemeint habe! Du denkst nur, dass du die Klügste von uns bist und weißt, was in so einer Situation zu tun ist! Du glaubst, du kannst uns alle herum schubsen und uns befehlen, was wir zu tun haben! An der Küste kommen wir doch auch nicht besser voran! Die Insel ist umgeben von einer einzigen Steilküste! Mit etwas Glück brechen wir uns das Genick, wenn wir abrutschen!“
„Besser als den Gefahren dieses Dschungels ausgesetzt zu sein! Falls du es vergessen hast, wäre es möglich, dass es Kannibalen oder sonstige Widernatürlichkeiten auf dieser Insel gibt!“
„Ja, es wäre möglich, aber das sind alles nur Gerüchte. Wir haben auf unserem Streifzug nichts gesehen bis auf einige Tiere und die essen wir gerade!“
„Was nicht heißt, dass es so bleiben muss, oder? Du machst mir Vorwürfe, dass ich hier den Befehlshaber und Anführer spielen möchte und dabei bist du keinen Dold besser!“
„Hört auf damit!“ unterbrach Jualy den Streit zwischen Emere und Manaal. „Es geht hier nicht darum, wer der Anführer ist oder sein möchte. Wir müssen einen Weg finden, bevor wir verdursten, verhungern oder von Kannibalen gefressen zu werden, von der Insel zu fliehen. Die Idee, unsere Aufgaben besser zu verteilen, finde ich gut. Ich habe nichts dagegen, hier zu bleiben und mich um das Wasser zu kümmern. Ich werde morgen weitere Zauber vorbereiten, damit wir noch mehr Wasser zur Verfügung haben. Ob wir uns an der Küste entlang bewegen oder durch den Dschungel streifen, ist meiner Ansicht nach, irrelevant. Wir werden auf beiden Wegen nicht schneller oder langsamer voran kommen. Manaals Idee einen im Inneren der Insel gelegenen Lagerplatz aufzubauen, halte ich ebenfalls für eine gute Idee und zwar aus einem einfachen Grund – der Leuchtturm könnte zerstört sein und wir wären gezwungen, eine andere Möglichkeit zu finden. Wir brauchen einen festen Punkt, an den wir zurück kehren können. Wir werden nicht jeden Tag einen geeigneten Lagerplatz aufspüren können und ein Lager aufzuschlagen, erfordert eine Menge Zeit. Zu viel Zeit für einen Tag, Emere, das weißt du auch.“
„Ich fände es außerdem gut, wenn alle mithelfen und mithelfen könnten. Jask mag ja ein Gefangener gewesen sein, aber er kann uns helfen. Ich glaube nicht, dass er uns einfach niedermetzelt mit irgendeinem Zauber, sobald er sein Heiliges Symbol hat. Was hätte er denn davon? Im Notfall kann er sich ausserdem nicht mal verteidigen.“
„Ach Kuraz“, seufzte Emere und blickte in die Runde. „Na schön, ihr habt Recht. Gib ihm seine Sachen, Kuraz. Und morgen wandern wir weiter, bis wir einen vernünftigen Lagerplatz finden, wo wir uns häuslich einrichten können.“
Emere wirkte alles andere als begeistert von der Diskussion und ihrem Ergebnis. Am Abend saß sie still da und studierte die Karte, während Kuraz versuchte, sich mit den anderen Gestrandeten zu unterhalten. Doch keiner von ihnen, nicht einmal Jask, war an einer Unterhaltung sonderlich interessiert. Stumm starrten alle vor sich hin und kämpften mit den Mücken und anderen Insekten, die in Scharen über sie herfielen, sobald sie sich nur ein kleines Stück vom schützenden Lagerfeuer entfernten. Kuraz‘ Optimismus begann langsam Risse zu bekommen.

Weitere Überlebende?
2. Lamashan 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung

Zwei weitere Tage vergingen. Kuraz kamen sie ewig vor. Noch in der zweiten Nacht war sie von einem Insekt gestochen worden und hatte kaum einen Tag später unter schrecklichen Kopfschmerzen gelitten. Sie hatten einen Tag lang an einem feuchten Lagerplatz ausharren müssen, weil sie nicht mehr weiter konnte. Jualy und Jask hatten sie gepflegt, doch nur ihre eigene Entschlossenheit hatte die Krankheit, die Jask bezeichnenderweise Hirnbrand nannte, besiegen können. Noch immer fühlte sich Kuraz ausgelaugt. Zumindest mussten sie dank ihrem Entschluss, Jask sein Heiliges Symbol wiederzugeben, keinen Durst mehr leiden. Der Priester des Nethys kümmerte sich mit Jualy jeden Abend um kleine Verletzungen an Knöcheln, erschuf Wasser, reinigte ihre Nahrung, wenn sie Beeren oder andere Früchte fanden und war im Gegensatz zu den anderen Gestrandeten bester Laune. Auch Gelik und Tascha ging es inzwischen ein wenig besser, doch alle waren schweigsam und darauf bedacht, möglichst viel Weg am Tag zurück zu legen.
Kuraz schlich hinter der Gruppe her. Ihr Körper war ausgezerrt und sie bereute jeden Tag mehr, dass sie nicht in Magnimar geblieben war. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester und von ihrem Wunsch, einmal Pirat zu werden, war nicht mehr viel übrig geblieben. Jask gesellte sich zu ihr und gab ihr einen Schluck Wasser. Kuraz hätte sich gern bedankt, aber sie war müde und von einem Lagerplatz noch weit entfernt.
„Hirnbrand ist tückisch. Zuerst glaubt man wahnsinnig zu werden und sobald man diesen Zustand besiegt zu haben glaubt, kommt die körperliche Erschöpfung. Es wird dir bald wieder besser gehen. Weißt du, als ich gefangen genommen wurde, da habe ich auch geglaubt, dass ich alles falsch gemacht hätte, dass es besser gewesen wäre, den Mund zu halten, aber je länger ich gefangen war, desto mehr spürte ich, dass es richtig war.“
Kuraz horchte auf. Bisher hatte Jask stets zu seiner Vergangenheit geschwiegen und auch keine Andeutungen in dieser Richtung von sich gegeben, doch nun zeigte sich der alternde Garundi doch gesprächiger.
„Es ist seltsam. Als ich hier gestrandet bin, war ich überglücklich, weil ich nicht allzu bald in Eleder verurteilt werden würde. Dann dachte ich, es sei besser, in Eleder hingerichtet zu werden, als hier zu bleiben und als Garundi am Spieß von Kannibalen zu enden. Doch nun, da ich weiß, dass wir auf der Schmugglerinsel sind, fügt sich mein Schicksal wieder zusammen.“
„Wie meinst du denn das? Was für ein Schicksal?“
„Vor langer Zeit – na ja, so lang ist es gar nicht her, auch wenn es mir so vorkommt – arbeitete ich für die sargavische Regierung. Eines Tages fand ich heraus, dass jemand krumme Geschäfte mit den Freien Kapitänen der Fesseln machte. Dummerweise war es ausgerechnet mein Vorgesetzter, dem ich von der ganzen Sache erzählte. Er stellte mir eine Falle. Ich wurde an seiner statt für sein korruptes Verhalten verurteilt.“
„Dann hast du also niemanden umgebracht?“
„Nein, das habe ich nicht, auch wenn man in Sargava das wohl ähnlich schwer genommen hat.“
„Aber das verstehe ich nicht. Du kamst doch in Corentyn an Bord.“
„Ja, weil ich damals aus Sargava floh. Ich habe einige Jahre in Corentyn gearbeitet, bis mich ein Spion der sargavischen Regierung gefunden und festgenommen hat. In Eleder sollte mir erneut der Prozess gemacht werden. Und nun bin ich hier. Und das Komische daran ist, dass ich hier vielleicht meine Freiheit finden könnte.“
„Ich weiß nicht, Jask, du solltest nicht hierbleiben.“
Der Garundi verzog das Gesicht zu einem grotesken Lächeln.
„Das habe ich auch nicht vor, aber das Schiff des Kapitäns, der damals mit meinem Vorgesetzten Geschäfte gemacht hat, soll angeblich hier gestrandet sein. Auf der Pökeldämon könnten sich noch Dokumente befinden, die mich entlasten.“
„Ich verstehe! Du willst das Schiff finden und nach den Dokumenten suchen!“
„Richtig. Ich habe in Corentyn gehört, dass der Kapitän der Pökeldämon recht bald nach meiner Flucht wohl seiner eigenen Gier zum Opfer gefallen ist. Er hat anscheinend nicht genug bekommen und seine betrügerischen Verbündeten gegen sich aufgebracht. Seine letzte Fahrt hat schließlich an den Klippen der Schmugglerinsel geendet. So hat man es mir zumindest in Corentyn erzählt. Es mag nur Zufall sein, dass wir hier gestrandet sind, doch Nethys weiß seine zwei Gesichter wohl zu zeigen.“
„Dann helfe ich dir dabei, die Pökeldämon zu finden und die Papiere, die dich entlasten können!“
„Danke, Kuraz.“ Er legte sanft eine Hand auf ihre Schulter. „Und wie geht es dir jetzt?“
„Hm?“ Kuraz fühlte sich wirklich wesentlich besser. „Gut, denke ich.“
„Du musst viel trinken und viel reden. Wenn du dich ablenkst, denkst du nicht zuviel nach.“
„Ja, das werde ich.“
„Hey, seht mal! Da vorn!“ Manaal war stehen geblieben und deutete auf einen schmalen Strandabschnitt, ihrem Landeplatz auf der Schmugglerinsel ähnlich. „Ich glaube, da ist ein Lager!“
„Ein Lager? Hat denn dann noch jemand überlebt?“ Kuraz eilte nun nach vorn. Ihre Neugier war geweckt und ihre körperliche Erschöpfung wich der Begierde danach, zu erfahren, ob es womöglich noch mehr Überlebende gab. Manaal war voran geeilt und hockte nun neben einem kleinen Haufen Kleidungsstücke.
„Sieh dir das mal an, Kuraz. Erkennst du das?“
„Das ist der Hut des Kapitäns!“
„Genau und das sind die Schals dieser Gelehrten. Mir wird langsam einiges klar. Trotzdem erklärt sich mir nicht, warum wir alle beinahe sterben mussten, nur damit diese Frau ihren Forschungen nachgehen kann.“
„Wir waren dabei vermutlich ziemlich unwichtig“, dachte Jualy laut nach. „Meinst du, sie kommen wieder her?“
„Nein, das Lager ist schon länger verlassen. Aber wir können heute nacht hier bleiben. Lasst uns das Lager aufbauen. Morgen werde ich sehen, ob ich nicht eine Spur von den beiden finde.“
Sie errichteten ihr Lager und Kuraz versuchte, einen Fisch zu angeln, während Jualy Krebse einsammelte. Obwohl es am Nachmittag wieder regnete, hatten sie am Abend ein kleines Festmahl zusammen gestellt. Ischiro, Tascha und Aerys aßen zwar kaum etwas, doch dass es überhaupt reichlich zu essen und zu trinken gab, schien selbst ihre Laune ein wenig aufzuheitern. Gelik erzählte einige Geschichten, die Kuraz so faszinierten, dass Emere ihr ab und an den Mund schließen musste. Der kleine Gnom schien schon eine ganze Menge erlebt zu haben und Kuraz beneidete ihn darum. Ihr Wunsch, lieber zuhause bei ihrer Mutter zu sein, war längst wieder verblasst.
„Ach, und kennt ihr die Geschichte der Nachtwispern?“
„Was ist denn die Nachtwispern?“
„Die Nachtwispern, junge Kriegerin, ist ein Schiff der Kundschafter. Es heißt, sie soll hier an den Klippen der Schmugglerinsel auf Grund gelaufen sein. Ich muss gestehen, ich würde sie unheimlich gerne sehen.“
„Aber wieso? Anscheinend sind hier sehr viele Schiffe gestrandet, was ist an der Nachtwispern so besonders?“
„Na ja“, Gelik zögerte, sprang auf seine kurzen Beine und lief umher. „Sie ist, wie bereits erwähnt, ein Schiff der Kundschafter. Vermutlich sagt dir das nicht viel, meine unwissende Freundin, besonders jetzt da dein Hirn einer gemeinen Attacke zum Opfer gefallen ist, aber das ist etwas Besonderes und die Organisation wüsste gerne, was mit dem Schiff geschehen ist.“
„Wollt Ihr etwa ein Kundschafter werden, Herr Ebberschwinge?“ warf Manaal belustigt ein. Es schien Gelik kurz zu kränken, doch dann reckte er sein Kinn in die Höhe und schnaubte verächtlich.
„Nicht nur Elfen sind für solche Aufgaben geboren, wir Gnome sind noch weitaus bessere Spione. Und außerdem muss ich nicht erst ein Kundschafter werden, ich bin bereits einer. Zugegeben, die Entwicklungen und Verwicklungen meines Lebens haben dazu geführt, dass ich einen gewissen Sonderstatus habe, aber den gedenke ich zu tilgen, sollten wir auf die Spur der Nachtwispern kommen.“
„Sollten wir, Herr Ebberschwinge, doch ich bezweifle, dass einer von uns Lust hat, auf Schiffssuche zu gehen, nur weil Ihr Euren schlechten Ruf wieder wett machen wollt!“ meinte Emere ruhig, aber mit einer Spur Verächtlichkeit.
„Also ich wäre dabei! Ich habe Jask schon versprochen, dass wir die Pökeldämon suchen, um seine Unschuld zu beweisen, also finden wir auch die Nachtwispern, um dich wieder zu einem richtigen Kundschafter zu machen!“
„Ich bin ein richtiger Kundschafter, junge Kriegerin, aber davon abgesehen danke ich dir sehr für deine Hilfe.“
Er lächelte Kuraz an, bevor er Emere einen vernichtenden Blick zu warf und sich wieder im Sand niederließ. Emere sah zu Kuraz hinüber, die sofort den Kopf einzog. Sie hatten nicht viel miteinander gesprochen, besonders weil Kuraz kaum zum Sprechen in der Lage gewesen war, aber die Taldani hatte sich ebenso wie Jualy und Jask um ihre Gesundheit bemüht, wenn sie auch darauf bedacht gewesen war, dass ihre Hilfe besonders gewürdigt wurde.
„Na gut, nachdem wir geklärt haben, dass wir neben einem womöglich zerstörten Leuchtturm auch noch zwei Schiffe suchen, die vielleicht gar nicht hier gestrandet oder lange untergegangen sind, sollten wir wohl ins Bett gehen.“
„Manaal, nun kling doch nicht so verzweifelt. Du tust ja gerade so, als wäre das ein schwieriges Unterfangen!“ scherzte Jualy und schubste die Elfe zur Seite. „Wir werden das schon schaffen.“
„Menschen!“ fluchte Manaal leise und unternahm noch einen kleinen Spaziergang zum Wasser, doch Kuraz konnte deutlich sehen, dass ein Lächeln auf ihren Lippen lag.


82 Der Schlangenschädel (9)

Die Kapitänskajüte war nicht abgesperrt, was Emere und Kuraz sofort zu denken gab. Das Erste, was sie nach dem Betreten sahen, war ein gewaltiges Loch in der Außenhaut des Schiffes, das einen Großteil der Besitztümer des Kapitäns vermutlich längst auf den Meeresboden gespült hatte. Einzig der Schreibtisch und eine größere Truhe, die nicht durch das Loch gepasst hatten, waren noch unbeschädigt und zurück geblieben. Kuraz war froh, dass sie nicht auf die Leiche des Kapitäns stießen.
„Sieh du dir die Truhe an, ich nehme mir den Schreibtisch vor. Aber sei vorsichtig, damit du bei einer Welle nicht aus dem Schiff gespült wirst!“ Emere ging konzentriert an die Arbeit. Ihr harscher Ton war keineswegs so überheblich wie sonst, es schien Kuraz eher so, als wäre sie besorgt und nun dabei, die Zügel in die Hand zu nehmen, damit die Katastrophe nicht noch schlimmer wurde. Kuraz hockte sich vor die Truhe und öffnete sie. Zu ihrem Glück war sie nicht verschlossen. Der Inhalt kam ihr vor wie ein kleiner Schatz. Auf einem ledernen Anzug, der aus einer Weste und einer Hose bestand, lagen ein Beutel, mit dem Kuraz nichts anzufangen wusste, das Symbol eines Gottes mit zwei unterschiedlichen Gesichtshälften, ein Dolch – das, was ihr am meisten ins Auge stach – und zwei Phiolen mit einer hellen Substanz. Kuraz nahm sogleich den Dolch an sich und befestigte ihn neben ihrem Schwert. Die Phiolen aus der Truhe bergend, stand sie auf und begann den Inhalt zu schütteln, bis eine kräftige Hand sich um ihr Gelenk schloss.
„Du weißt nicht, was sich darin befindet, meine Kleine. Ich würde kein Risiko eingehen.“ Emere lächelte freundlich, doch ihre Worte waren ebenso bestimmt gesprochen wie ihre vorherigen Anweisungen. „Das Symbol, sieht aus wie das Symbol des Nethys. Scheint mir, als sei dein Freund ein Priester.“
„Du meinst Jask? Oh, dann ist das also seine Ausrüstung. Prima! Jetzt brauchen wir nur noch den Schlüssel!“
Kuraz freute sich und packte alle Gegenstände zusammen, die sie in der Truhe finden konnte. Allerdings würde der Transport schwierig werden.
„Pack es in meinen Rucksack und bind ihn dir auf den Rücken.“
Kuraz nahm Emeres Rucksack entgegen, ihr eigener war auf der Strecke geblieben, und packte den Schatz, was Jasks Ausrüstung in Kuraz‘ Augen war, hinein. Unterdessen öffnete Emere eine Schublade nach der anderen. In einer befand sich ein Schlüsselbund, bei dem Kuraz beinahe aufgeschrieen hätte. Sicher war da der Schlüssel für Jasks Handschellen mit dabei.
„Eigenartig. Der Kapitän scheint gar keine Zeit mehr gehabt zu haben, den Schlüssel zu holen.“
„Nein, die Jenivere war sicher schon am Sinken und dann hat er Jask einfach so ins Boot gebracht.“
„Möglich, gut möglich“, murmelte Emere vor sich her, während sie den Schlüsselbund in den Rucksack auf Kuraz‘ Rücken steckte. „Schauen wir mal, was wir noch finden können.“
Eine der Schubladen offenbarte mehrere Karten, die Emere einfach ungesehen einsteckte, und das Logbuch des Kapitäns, das sie ebenfalls, ohne es zu würdigen, in den Rucksack packte, der langsam schwerer wurde. Nur die unterste Schublade wollte sich nicht öffnen lassen. Emere zerrte daran, bis der Griff abbrach.
„Verdammt!“
Kuraz zuckte zusammen, doch Emere beruhigte sich schnell wieder und versuchte zu lächeln.
„Tut mir Leid, aber die Schublade geht nicht auf. Gehen wir zu den anderen zurück.“
„Warte! Vielleicht ist da noch was Wichtiges drin.“ Kuraz griff zu ihrem Kurzschwert, was Emere mit einem Augenbrauenzucken quittierte, und schlug mit dem Schwert auf das Holz ein, als sei es der Eurypterid.
„Rohe Gewalt, ich sehe schon, das ist eher dein Metier, meine Kleine.“
Schwer atmend, aber mit einem zufriedenen Lächeln, sah Kuraz zu Emere.
„Glaube ich auch. Jedenfalls ist die Schublade jetzt offen.“
„Schauen wir mal, ob sich dein Einsatz gelohnt hat.“ Emere beugte sich hinunter. Zuerst sah es nicht danach aus, als wäre etwas Wertvolles darin zu finden. Neben einer Flasche mit Alkohol, die Emere sofort durch das Loch beförderte, fand sich ein Schiffsmodell der Jenivere in einem Glas. Es war zwar gut gefertigt, aber die Taldani sah keinen Sinn darin und warf auch das Modell einfach ins Meer. Kuraz sah nur die Golddukaten davon fliegen. Dann aber, in der hintersten Ecke der Schublade verborgen, fanden sich ein kleiner Koffer und ein Tornister. Emere stopfte alles, ohne hinein gesehen zu haben, wiederum in den Rucksack. Kuraz fragte sich zwar, woher sie wissen wollte, ob in Koffer und Tornister etwas Wertvolleres war als das Schiffsmodell, aber Emere schien es nun zusehends eiliger zu haben.
Manaal und Jualy hatten einige Werkzeuge aus dem Lagerraum geborgen. Manaals unscheinbarer Rucksack war prall gefüllt und auch Jualys Tasche wies zahlreiche Wölbungen auf.
„Wir haben etwas zu essen und frisches Wasser gefunden, aber es wird kaum für alle reichen“, erklärte die junge Tian und klopfte sanft auf ihre Tasche. Kuraz hätte einiges dafür gegeben, sogleich ein Stück vom Brot oder vom Käse nehmen zu können und durstig war sie ebenfalls, aber sie wusste, dass alles gerecht aufgeteilt werden musste, wenn sie alle überleben wollten und das war Kuraz‘ Ziel.
„Dann lasst uns gehen. Vom Kapitän oder dem Rest der Mannschaft haben wir nichts entdecken können. Wir haben allerdings den Schlüssel für Kuraz‘ neuen Freund und seine Habseligkeiten, sowie einige vielleicht nützliche Dinge aus dem Schreibtisch des Kapitäns geborgen.“
„Schön, dann sollten wir das Schiff verlassen. Ich glaube, die Flut setzt langsam ein und ich bin mir nicht sicher, wie viele Wellen es noch bedarf, um die Jenivere endgültig ihrem Schicksal zuzubringen.“
Mit diesen Worten drehte sich Manaal um und führte die Gruppe zurück auf das Deck. Allerdings hatten sie jetzt ein Problem. Wie sollten sie zurück auf den Vorsprung und den schmalen Pfad entlang der Klippen gelangen?
„Mist! Das hätte uns eher einfallen sollen.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Erst einmal werfen wir die Sachen nach oben. Das sind keine drei Meter bis zum Vorsprung, gib her!“
Manaal griff nach Jualys Tasche und warf sie auf den Vorsprung, wobei etwas in der Tasche kaputt zu gehen schien. Die Elfe grinste ihre Begleiterin entschuldigend an, aber Jualy schüttelte nur den Kopf.
„Ich muss mich korrigieren, Emere, wir haben etwas zu essen gefunden. Etwas, das nun auch durchweicht ist.“
„Dabei müssten Elfen doch wesentlich länger Zeit haben, um über ihre Handlungen nachzudenken.“
„Ich fürchte, Manaal hat noch nicht begriffen, dass sie ihre Tätigkeiten auf fünf Jahrhunderte verteilen muss. Und dabei ist ihr jetzt schon manchmal langweilig, wie soll das erst in zweihundert Jahren aussehen?“
Kuraz sah zu Manaal hinüber, deren Gesichtszüge empfindlich zu entgleisen drohten, während sich Jualy und Emere gemeinsam über sie lustig machten. Kuraz freute es, dass die Taldani zumindest mit Jualy besser zurecht kam. Manaal schnaubte verächtlich und warf ihren eigenen Rucksack der Tasche Jualys hinterher, wobei erneut irgendetwas zu Bruch ging. Kuraz überdachte schnell, ob in Emeres Rucksack Zerbrechliches zu finden war und reichte ihn der Elfe hinüber, damit sie ihn auf den Vorsprung warf. Bis auf ein Klappern war nichts zu vernehmen.
„Kannst du springen? Und zwar nicht auf Emeres Befehl, sondern hoch und weit?“
Die kleine Spitze gegen sie schien Emere gar nicht wahrzunehmen. Kuraz schüttelte den Kopf. Es würde in einer Katastrophe landen, wenn sie es versuchte.
„Ach komm schon, sei kein Goblin! Wir springen zusammen.“
„Ich weiß nicht, das ist ziemlich hoch und weit und…“
„Das heißt also, du möchtest hier auf dem Schiff elendig sterben, von dem der erste Maat dich gerettet hat?“
Kuraz‘ Schultern sanken tiefer. Manaal wusste, wie sie sie treffen konnte, und so fand sich Kuraz einige Sekunden später an scharfen Klippen hängend wieder. Manaal zog sich neben ihr auf den Vorsprung und half ihr hinauf, bevor sie ein Seil aus ihrem Rucksack holte und es vom Vorsprung aufs Deck hinunter warf. Emere ergriff es und ließ es sofort wieder los, um auf ihre Hände zu sehen.
„Was ist denn das für ekliges Zeug da dran?“
„Das war mal Lampenöl“, erklärte Jualy neben ihr und schüttelte den Kopf. „Das war das zweite zerbrechende Klirren.“
„Ah, ich verstehe. Gut gemacht, Elfe, dann wissen wir zumindest wer Nachtwache halten wird.“
Manaal murmelte einige Flüche in sich hinein, von denen Kuraz keinen kannte, die aber allesamt als solche zu erkennen waren. Emere griff erneut nach dem Seil und zog sich vorsichtig daran hinauf, wobei ihr das aufgrund des Öls schwerer fiel, als es normalerweise gewesen wäre – ein Umstand, der Manaal zu freuen schien. Nur als Jualy dieselben Probleme hatte, wurde sie wieder ernst und entschuldigte sich, zumindest gegenüber der Tian, wegen ihres unbedachten Verhaltens. Jualy lächelte nur und fuhr ihr flüchtig über die Wange.
Kuraz hätte es nie für möglich gehalten, aber der Rückweg war noch schlimmer als der Hinweg. Sie waren schwer beladen, das Wasser stieg von Minute zu Minute und jeder Sprung wurde von Angst und einem elenden Magengrummeln begleitet. Sie war mehr als nur erleichtert, als sie endlich wieder Sand unter ihren Füßen spürten und die restlichen Überlebenden erblickten. Diese schienen sich bereits in den Schatten einiger Bäume, am Rande des undurchdringlichen Dschungels, zurück gezogen zu haben, nur Ischiro stand noch in der Sonne und blickte von Ost nach West und schließlich direkt in ihre Augen. Als er sie sah, nickte er, half ihnen aber nicht die schweren Rucksäcke zu den anderen zu bringen. Kuraz war froh, als sie endlich im Schatten saßen und begutachteten, was sie erbeutet hatten. Als Erstes hätte sie gerne Jask von seinen Fesseln befreit, aber Manaal untersuchte die Werkzeuge, die Seile, den Rest des Öls und eine große Plane.
„Davon gibt es noch mehr auf dem Schiff. Es wäre klug, noch einmal zurück zu kehren, um alles mitzunehmen, was wir noch retten können. Damit ließe sich vielleicht eine Art Zelt oder zumindest ein Unterstand errichten.“
„Ich würde gerne helfen“, meinte Jask.
„Wirst du auch“, antwortete Kuraz begeistert und wühlte in Emeres Rucksack nach den Schlüsseln. Es dauerte eine Weile, bis sie den richtigen gefunden hatte, doch als die Fesseln sich um Jasks Handgelenke lösten, atmete er tief durch und zog Kuraz in seine Arme.
„Vielen, vielen Dank“, raunte er ihr ins Ohr. „Das war sehr nett von dir.“
„Gerne, aber es geht noch weiter!“ Kuraz griff zu dem Dolch, den sie an ihrem Seil um die Hüfte befestigt hatte, aber da legte Emere ihr eine Hand auf die Schulter.
„Warte. Dieser Mann ist nicht umsonst ein Gefangener. Ich werde dir keine Waffe oder dein heiliges Symbol des Nethys übergeben, solange ich nicht weiß, warum du gefangen genommen wurdest.“
Jask schwieg und senkte den Blick auf seine entfesselten Hände. Als er wieder aufsah, wirkte er verschlossen, aber zutiefst ehrlich. Seine Stimme war fest, als er sprach: „Ich bin frei. Ich werde euch helfen, auch ohne meinen Dolch und das Symbol meines Gottes.“
„Schön, aber du bleibst unter Aufsicht. Wer will noch helfen?“
Kuraz war nicht damit einverstanden, dass Emere Jask weiter als einen Gefangenen betrachtete. Sie glaubte nicht daran, dass der Mann gefährlich war, aber letztlich hatte sie das Gefühl, dass es nicht klug wäre, sich gegen Emere zu stellen, vor allem da selbst Manaal und Jualy nichts Gegenteiliges zu sagen hatten und ihre Meinung wohl teilten.

Da das Wasser inzwischen wieder so hoch gestiegen war, dass sie den kleinen Pfad entlang der Klippen nicht nutzen konnten, entschieden sie, sich einen kleinen Unterstand zu bauen und am Abend noch einmal zum Schiff zurück zu kehren. Neben Jask wollten auch Tascha und Ischiro sie begleiten. Aerys ging es einfach viel zu schlecht. Die Auswirkungen des Schiffbruchs schienen bei ihr schlimmer zu sein als bei den anderen, und Gelik meinte, er sei zu klein und zu leicht, um solche Aufgaben zu bewältigen.
Mit Hilfe der Seile spannte Manaal die Plane so zwischen vier dicht beieinander stehende Bäume, dass sie zumindest vor der Sonne einigermaßen geschützt waren. Das Essen reichte wie erwartet nicht für alle. Außerdem war es durch Manaals Unachtsamkeit durchweicht. Daher entschloss sich die Elfe dazu, jagen zu gehen.
„Wer begleitet mich?“
Bis auf Kuraz hob niemand die Hand. Die meisten lagen träge unter der Plane und hielten sich die knurrenden Mägen. Außerdem hatten sie kein Wasser und ihr Durst wurde langsam unerträglich. Selbst Jualy wollte nicht mitgehen, sondern lieber im Schatten verbleiben.
„Nehmt es mir bitte nicht übel, aber wenn ich jetzt aufstehe, falle ich sofort wieder um.“
„Kein Problem. Ruht euch aus. Wir kriegen das schon hin. Wir bringen auch Wasser mit, wenn wir welches finden.“
„Aber seid vor Anbruch der Nacht zurück!“ warnte Emere. „Wir wissen nicht, was sich im Dschungel herum treibt und denkt daran, dass wir noch einmal auf die Jenivere zurück kehren wollen.“
Manaal erwiderte nichts, sondern ging geradewegs in den Dschungel, während Kuraz Emere versicherte, sie würden sich beeilen und gesund wiederkehren. Doch schon nach den ersten Metern wurde beiden klar, dass der Dschungel kein einfacher Wald war. Überall stolperten sie über Wurzeln oder mussten umkehren, weil das Dickicht sie nicht weiter ließ. Tiere gab es genug, doch sie wussten sich zu verbergen und zu flüchten, sobald Manaal und Kuraz nur in ihre Nähe kamen. Das Einzige, was sie schließlich erbeuten konnten, war ein Hase mit kurzen Ohren, aber einem längeren Schwanz und geraden Beinen. Er war groß, aber er würde dennoch nicht alle Mäuler satt machen. Und zu allem Überfluss fing es am frühen Nachmittag an zu regnen, so heftig, dass Manaal und Kuraz sich nur mithilfe eines riesigen Farnblattes vor der Nässe schützen konnten.
„Sieht so aus als wären wir geradewegs auf einer der Höllenebenen gelandet.“
„Wir kommen schon wieder von hier weg. Keine Sorge. Wir müssen nur einen Weg finden, von hier zu flüchten.“
„Ja und das wird bestimmt ganz einfach werden. Deinen Optimismus möchte ich haben, Kuraz.“
„Aber es muss einen Weg geben und es gibt auch immer einen Weg und deshalb werden wir ihn auch finden.“
Kuraz rutschte ein Stückchen tiefer in den regenschützenden Schatten des Farnblattes, während Manaal nur einmal mehr über die grenzenlose Zuversicht der Menschen lächeln konnte.
„Du hast Recht, aber zuerst sollten wir einen Weg zurück zum Lager finden, denn bald wird wieder Ebbe sein und wir müssen zusehen, dass wir den Rest der Werkzeuge aus dem Schiff bergen. Außerdem sollten wir deine Emere nicht zulange mit den anderen allein lassen.“
„Sie ist nicht meine Emere“, murrte Kuraz und streckte die Hand unter dem Farnblatt hervor, um zu sehen, wie stark der Regen noch war. „Sie hat meine Überfahrt bezahlt, ich finde es daher richtig, ihr zu helfen.“
„Die Überfahrt ist gescheitert und du hilfst ihr nicht, du dienst ihr. Und die Taldani nutzt das ordentlich aus. Lass dich nicht von ihr herum schubsen. Jetzt, da wir hier auf der Insel sind, sollte jeder jedem helfen und das gilt auch für Emere, verstanden?“
„Ja“, meinte Kuraz leise und war sich dennoch nicht sicher, ob Emere das wohl auch so verstehen würde. Schließlich brachen sie wieder auf, um zum Lagerplatz zurück zu kehren. Dank Manaals Fähigkeiten, sich in noch so dichtem Gestrüpp zu orientieren, fanden sie den Weg mühelos, als der Regen endlich aufgehört hatte. Die Flut war vorbei und Ebbe setzte langsam wieder ein.
„Da seid ihr ja, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Jualy begrüßte sie mit einer Umarmung, als wären sie Tage lang fort gewesen. Kuraz freute sich darüber, Manaal schien es eher peinlich zu sein, aber Elfen waren dafür berühmt, ihre Gefühle nicht derart offen zu zeigen, wie Menschen es taten. Jask zwinkerte Kuraz zu, als sie sich wieder zu ihnen unter die Plane setzte, doch Emere war in das Studium des Logbuchs vertieft. Ohne aufzusehen, verkündete sie:
„Erinnert ihr euch an diese Gelehrte? Scheint mir so, als hätte sie etwas mit dem Kapitän angestellt. Dem Logbuch zufolge war er eifersüchtig auf jeden, der Ieana zu nahe gekommen ist. Er hat schließlich sogar geschrieben, dass er froh wäre, wenn der erste Maat sterben würde. Außerdem weiß ich jetzt, wer den Kurs geändert hat und warum. Es war der Kapitän selbst. Ieana hat ihn sogar darum gebeten.“
„Aber wieso sollte sie das tun? Wegen ihren Forschungen?“
Tascha lehnte an einem der Baumstämme, die die vier Ecken ihres Unterschlupfes bildeten. Sie war bei der Frage, wer noch einmal an Bord des Schiffes zurück kehren würde, sehr euphorisch gewesen, doch nun saß sie niedergeschlagen da und wirkte keineswegs sonderlich interessiert an den Beweggründen der Gelehrten Ieana.
„Möglich, sogar sehr wahrscheinlich. Ich kann mir sonst nicht vorstellen, was sie hier gewollt haben könnte.“
„Einen Schatz“, mischte sich plötzlich der sonst schweigsame Ischiro ein. „Womöglich.“
„Glaube ich nicht. Aber es ist vorerst auch gleich“, erwiderte Emere bestimmt. „Einer der Karten nach zu urteilen sind wir nicht soweit weg von der normalen Handelsroute. Anscheinend hörte diese Insel auf den Namen Schmugglerinsel. Hat jemand schon mal was von ihr gehört?“
„Oh ja!“ verkündete Jualy.
„Oh nein!“ heulte Manaal auf. „Nicht die Schmugglerinsel. Über diese Insel gibt es einige Gerüchte.“
„Allerdings“, bestätigte Emere. „Für alle, die nichts von der Schmugglerinsel wissen, sie ist nicht allzu weit von Eleder entfernt, gilt aber als eine der gefährlichsten Insel des Arkadischen Ozeans. Viele Schiffe sind hier schon auf Grund gelaufen und die meisten waren mit Schmugglern besetzt, daher auch der Name.“
„Ich habe gehört, dass es hier Geister und Untote geben soll“, fügte Manaal hinzu.
„Ganz abgesehen von Flüchen und der Vermutung, dass es hier sogar Kannibalen geben soll.“
„Richtig. Degenerierte Soldaten, chelische Soldaten wohlgemerkt. Sie sollen hier einst Schiffbruch erlitten und sich zu Kannibalen entwickelt haben. Das sind zwar nur Gerüchte, aber wir sollten dennoch vorsichtig sein.“
„Warte mal, Emere. Wenn das wirklich die Schmugglerinsel ist, dann gibt es hier doch den Leuchtturm. Soviel ich weiß, kam es nicht dazu, dass hier eine neue Kolonie gegründet wurde, aber der Leuchtturm soll stehen.“
„Stimmt, aber der Leuchtturm befindet sich am anderen Ende der Insel.“
Emere breitete die Karte in der Mitte der Gestrandeten aus. Kuraz betrachtete das Gebilde und fragte sich, wie sie aus dieser Karte schließen sollten, wo sie waren und wo sich der Leuchtturm befand.
„Ich schätze, wir sind hier oben gelandet. Die Formung der Bucht, aber auch unser letzter Kurs lassen mich zu dieser Schlussfolgerung gelangen.“ Emere tippte auf eine kleine Bucht im Norden der Insel.
„Der Leuchtturm müsste hier sein.“ Jualy fügte ihren Finger am südwestlichen Ende der Insel hinzu. „Eine ziemlich lange Strecke und wir wissen nichts über den Maßstab der Karte, noch über die wirklichen Gefahren, die hier lauern.“
„Wir konnten jedenfalls keine gefährlichen Tiere oder Kannibalen ausmachen, oder Kuraz?“
„Nein, aber ich habe auch keine sonderliche Lust, welche zu treffen“, gab das Mädchen zu.
„Das ist nachvollziehbar. Na gut, uns wird dennoch nichts anderes übrig bleiben, als den Leuchtturm zu finden. Vielleicht gelingt es uns, ein Signal zu entzünden und so ein anderes Schiff auf uns aufmerksam zu machen.“
„Aber zuerst kümmern wir uns besser um einen Unterschlupf.“ Manaal deutete auf das Licht im Westen. Es wurde Zeit. Wenn sie sich nicht beeilten, würde die Sonne untergehen und sie könnten erst am nächsten Morgen einen weiteren Versuch unternehmen – und wer konnte schon mit Bestimmtheit sagen, wie lange die Jenivere noch da sein würde?


81 Der Schlangenschädel (8)

„Äh, was meinst du denn damit?“ fragte sie verwirrt und mit zitternder Stimme, während Emere Jualy und Manaal folgte, die jedoch, unter Deck angekommen, stehen geblieben war und Kuraz aufforderte, zu schweigen.
„Hört ihr das?“ flüsterte Manaal. Kuraz hatte Probleme etwas anderes zu vernehmen als eindringendes Wasser und das Anbranden von Wellen, doch dazwischen war ein rhythmisches Klopfen, das sie sich nicht erklären konnte.
„Was ist das?“
„Klingt für mich, als würde jemand mit einem Hammer gegen einen Tür schlagen. Haltet lieber eure Waffen bereit!“
Manaal zog ihr Langschwert hervor, Emere legte ihre Hand auf das Heft ihres Rapiers und Jualy nestelte in einem Beutel an ihrer Hüfte herum, während Kuraz nur ihr rostiges Kurzschwert betrachtete und sich an den Kampf mit den Eurypteriden erinnerte, die sie nur mit Müh und Not und mit viel Hilfe von Manaal besiegt hatte. Schließlich war es auch die Elfe, die voran schritt, darauf bedacht in dem seichten Wasserteppich, der sich im Schiff ausbreitete, nicht zuviel Lärm zu verursachen. Und obwohl auch Kuraz sich Mühe gab, schien es, als patschten ihre Füße permanent durch das zehenhohe Wasser. Glücklicherweise war auch Jualy nicht viel leiser, auch wenn Kuraz sich darüber nicht so sehr freuen wollte, wie sie es tat. Manaal schlich indessen in den nächsten Gang und blieb unvermittelt stehen. Vor der Tür des Lagerraums füllte ein dieses Mal zwergengroßer Eurypterid den gesamten Gang aus und hämmerte mit einer seiner Scheren gegen die Tür des Lagerraumes, die zwar standhielt, aber bald aus den Angeln zu brechen drohte.
„Ein Eurypterid“, meinte Emere und grinste Kuraz schief an. „Lasst uns mal schauen, ob die wirklich so gefährlich sind, wie ihr gesagt habt.“
Mit diesen Worten begann Emere nicht etwa mit ihrem Rapier nach vorne zu stürmen, sondern sie tanzte. Der Eurypterid drehte sich um und betrachtete sie irritiert, bevor er vorsichtshalber mit einer Schere zuschlug. Doch Emere wich ihm durch eine geschickte Drehung aus und stach ihm mit dem Rapier in die Seite. Die Klinge jedoch prallte an dem harten Chitinpanzer ab. Manaal, die Emere bereits zerquetscht an einer Wand sah, sprang zur anderen Seite des Eurypteriden und streifte mit ihrem Schwert eine der Scheren, ohne die Kreatur jedoch zu verletzen. Kuraz stand vor Jualy, die leise Worte murmelte, bis sie ihr eine Hand auf die Schulter legte.
„Ich helfe dir!“ Sie lächelte Kuraz an. „Das Lied der Sphären ist mit uns.“
Kuraz verstand nicht, was das Lied der Sphären sein sollte, doch dass Jualy ihr beistand, gab ihr ein wenig Mut zurück. Entschlossen ging sie einige Schritte nach vorn, weiterhin Jualys Hand auf ihrer Schulter spürend, und stellte sich dem mutierten Krebs in den Weg, der gerade dabei war, Emere zu zerquetschen.
„Hey Mutant! Friss Rost!“ Kuraz stieß ihr Kurzschwert in den Rachen des Tieres, doch der Eurypterid konnte im letzten Moment eine Schere schützend vor das halten, was wohl sein Gesicht war. Das Schwert durchbrach den harten Panzer und riss beinahe die gesamte Schere auf. Ein schrilles Fauchen quälte sich durch Kuraz‘ Gehirnwindungen, als der Eurypterid vor Schmerz seinen Stachel aufrichtete und Kuraz dabei nur knapp verfehlte, jedoch den hölzernen und aufgeweichten Boden durchbrach.
„War das alles?“ provozierte Kuraz weiter und ignorierte alles andere um sie herum. Sie ignorierte Manaal, die ihr Langschwert in die Seite des Krebses zu bohren versuchte. Sie ignorierte Emere, die vom Leib des Eurypteriden noch immer gegen die Wand gepresst wurde. Sie sah nur noch die verwundbare Stelle des Tieres vor sich, während sie ihr Kurzschwert hob und mit der eigentlich bereits stumpfen Klinge den Oberkörper des Tieres in zwei Teile spaltete. Der Todeskampf des Eurypteriden dauerte nur wenige Sekunden, dann sackte der Körper in sich zusammen, bis zuletzt der stachelbewehrte Schwanz gegen die Tür des Lagerraumes prallte. Kuraz atmete schwer und ihr Arm schmerzte, weil sie den Umgang mit einer schweren Waffe nicht gewöhnt war.
„Zu schade, dass du jetzt nicht mehr an Wundstarrkrampf verrecken kannst!“ brüllte sie das tote Tier an und kniete sich dann hin, um die Klinge von den Innereien des Krebses im zehenhohen Wasser zu reinigen.
„Gut gemacht, wirklich gut“, meinte Jualy hinter ihr und klatschte einmal in die Hände. Da kam Kuraz wieder zu sich.
„Oh, ja, also, danke für deine Hilfe!“
„Wieso? Ich habe nichts gemacht. Ich habe nur um den Beistand Desnas gebeten.“
„Du meinst…“
„Ja, du hast den Eurypterid ganz allein besiegt und ich muss schon sagen, du hast ihn so richtig besiegt!“ lobte nun auch Manaal, die sich die Überreste des Krebses von der Rüstung putzte, während sich Emere von der Wand löste.
„Nicht schlecht, meine Kleine. Ich wusste, dass mehr in dir steckt, als du uns vermuten lässt. Allerdings muss ich sagen, dass mir deine Brutalität nicht gefällt. Du solltest etwas mehr Eleganz in deinen Kampfstil bringen.“
„Ach, hör gar nicht auf die! Die hat keinen Schimmer vom Kampf. Das hast du ja schon daran gesehen, dass sie auf den Eurypterid zu getanzt ist. Ich hoffe, du bist dir bewusst, dass wir in Gefahr schweben, Taldani, und zwar nicht nur, weil wir uns mit ein paar arroganten Angehörigen deiner Art in einer Kneipe anlegen könnten, wenn wir einen Fehler machen!“
„Jeder wählt seinen eigenen Stil, meine elfische Freundin“, war alles, was Emere erwiderte, während sie zu dem Eurypteriden sah und schließlich wieder Kuraz betrachtete.
„Und jetzt sollte unsere Heldin ihr Opfer beiseite schaffen, damit wir uns mal anschauen können, was der Eurypterid aus dem Lagerraum haben wollte.“
Kuraz, deren ganzer Körper sich plötzlich stark anfühlte, machte sich daran, den Eurypterid mit einigen Flüchen und Tritten aus dem Weg zu schaffen. Das Tier war allerdings nicht nur so groß wie ein Zwerg, sondern auch so schwer. Doch kaum hatte sie das Tier aus dem Weg geräumt, stand sie vor dem nächsten Problem. Die Tür war so verbarrikadiert, dass sie trotz größter Bemühungen nicht aufgehen wollte. Kuraz beugte sich hinunter und sah durch das Schlüsselloch, konnte aber kaum mehr erkennen als einen dunklen Raum, in den nur wenig Sonnenlicht gelangte.
„Sonnenlicht. Scheint, als sei eine der Wände oder die Decke des Lagerraums zerstört.“
Kuraz löste sich vom Schlüsselloch und hielt ihren Blick nach unten gerichtet. Sie hockte sich vor die Tür und fuhr mit der Hand durch das Wasser. Ihre Finger färbten sich rot.
„Das ist Blut.“
„Blut?“ Manaal beugte sich über ihre Schulter. „Das erklärt, was der Eurypterid da drin wollte. Wir sollten die Tür dringend öffnen, vielleicht lebt ja derjenige, dessen Blut wir hier sehen, noch. Zusammen?“
„Ja!“ antwortete Kuraz und stand auf, um mit Manaal gemeinsam gegen die Tür zu rennen. Mit vorgestreckten Schultern rammten sie gegen das feste Holz, das durch die Angriffe des Eurypteriden bereits deutlich gelitten hatten. Sie schafften es jedoch erst beim zweiten Mal, die Tür aufzusprengen, die nur schwerlich den Eingang in den Lagerraum preis gab, da sie sich durch zehenhohes Wasser bewegen musste. Das Erste aber, was Kuraz und Manaal sahen, war die Leiche des Ersten Maats Alton Devers. Kuraz musste schlucken und spürte die Tränen in ihren Augen aufsteigen.
„Schon gut. Jualy, kannst du dich bitte darum kümmern?“ Manaals Hand legte sich auf Kuraz‘ Schulter und zog das Mädchen behutsam nach hinten, damit Jualy an ihr vorbei in den Lagerraum gehen konnte. Die Priesterin der Desna hockte sich vor die Leiche, während Manaal im hinteren Teil des Lagerraums nach Material suchte, dass sie zum Bauen verwenden konnten. Emere stand hinter Kuraz, einen Arm um die zitternde Schulter des Mädchens gelegt.
„Beruhige dich. Heute Nacht sind viele Menschen gestorben, aber es haben auch Menschen überlebt.“
Kuraz wusste nicht, ob sie das wirklich als Trost ansehen konnte, aber sie unterdrückte die aufsteigenden Tränen und widmete sich lieber ihrer Wut auf den Eurypteriden, dem sie maßgeblich die Schuld an Altons Tod gab.
„Er ist schon zuvor verletzt worden und der Schnittwunde nach zu urteilen, war es nicht der Eurypterid. Allerdings vermute ich, dass das Tier die eigentliche Schuld an seinem Tod hat.“
„Gekämpft?“ Manaal horchte sofort auf und auch Kuraz‘ Augen weiteten sich.
„So was habe ich schon vermutet“, meinte Emere. „Irgendetwas war nicht koscher an unserem Kurs.“
„Das fällt dir so urplötzlich mal auf?“ murrte Manaal und schenkte der Taldani nur einen zweifelnden Blick. „Wie dem auch sei. Was meinst du, mit wem er gekämpft hat?“
„Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass Alton der Angreifer war, der den Kurs“ – sie sah zu Emere hinüber – „geändert hat oder aber er wollte denjenigen aufhalten, der den Kurs geändert hat.“
„Wer ist denn normalerweise als Einziger in der Lage, den Kurs zu ändern?“ fragte Emere. „Kuraz?“
„Ich? Ach so, ähm, eigentlich nur der Kapitän, oder? Nur er könnte jedenfalls den Befehl geben.“
„Sehr richtig. Wir sollten mal schauen, ob wir seine Kajüte noch finden. Schaut ihr euch den Lagerraum mal in Ruhe an und ich glaube, die Kombüse dürfte auch noch zugänglich sein. Vielleicht finden sich Essensreste.“
Sie nahm Kuraz mit sich, aber das Mädchen konnte hinter sich noch die aufgebrachte Stimme von Manaal vernehmen: „Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist? Gibt uns hier Befehle und spielt den großen Anführer!“
„Ganz ruhig, Manaal, wir haben jetzt ganz andere Probleme.“
Kuraz fürchtete, dass Jualy da vollkommen richtig lag.


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