Andreas Steinhöfel ist einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren der letzten Jahre. Mit den beiden Charakteren Rico und Oskar ist es ihm wiederum gelungen, in die Welt von Kindern einzutauchen und nicht nur eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern auch unseren Alltag, insbesondere den des Großstadtmilieus, zu beobachten, aus der Sicht eines Kindes zu beschreiben und dabei mit viel Sprachgewandtheit und Humor auch ernste Themen zu beleuchten.
So treffen wir mit Rico als Erzähler auf einen tiefbegabten Jungen, der von seinem Lehrer in der Förderschule aufgefordert wurde, ein Ferientagebuch zu schreiben. Rico lebt mit seiner Mama in Berlin, in der Dieffe 93. Er kann sich keine Wege merken und muss daher immer geradeaus gehen, aber er kann sehr gut erzählen, auch wenn er immer ein wenig abschweift und viele Worte nicht kennt. Außerdem muss er auf die Bingokugeln in seinem Kopf aufpassen, denn wenn er zu viel denkt, geraten die ganz schön durcheinander und dann wird es mit dem Denken gar nichts mehr. Eines Tages trifft Rico auf den hochbegabten, aber stets einen blauen Sturzhelm tragenden Oskar, der sich über den komischen Jungen wundert, ihn aber zusehends ins Herz schließt. Die Zwei verabreden sich zu einem erneuten Treffen, aber Oskar taucht nicht auf. Rico ist enttäuscht, aber dann erfährt er aus dem Fernsehen, dass Oskar von dem Entführer Mister 2000 entführt wurde. Mister 2000 hält ganz Berlin in Atem. Er entführt seit Wochen Kinder und verlangt von ihren Eltern ein Lösegeld von zweitausend Euro. Rico beschließt, sich auf die Suche nach Oskar zu machen und dabei sind ihm seine Orientierungslosigkeit und die Bingokugeln nicht gerade behilflich. Aber es gibt ja doch einige Erwachsene, auf die man bauen kann, und auch wenn Rico tiefbegabt ist, so fehlt es ihm nicht an detektivischem Gespür, das ihn schließlich auf eine ganz unvermutete Fährte und in die Arme des Entführers führt.
Das Wunderbare an der Geschichte um die Tieferschatten ist, dass es nicht nur Ricos Versuche, Oskar zu finden, sind, die sie spannend machen, sondern Ricos Betrachtungen der Welt, in der er lebt. Seine Art Wörter, die er nicht kennt, leicht zu beschreiben, verursacht öfter ein Schmunzeln und das Gefühl, dass wir als Erwachsene doch um viel zu viele Ecken denken. Die Charaktere des Kinderbuches stehen weit im Vordergrund und machen sie daher so unglaublich liebenswürdig. Alle sind ein wenig verschroben und durchgeknallt, ganz besonders die Bewohner der Dieffe 93. Besonders angenehm empfinde ich dabei, dass diese Charaktere nicht vor Berührungen zurück scheuen. Da gibt es einfach keine klischeehaften Bösen oder Guten, es gibt keine harten Jungs oder rosa Prinzessinnen. Nein, da gibt es eben auch mal zwei befreundete Jungs, die sich an der Hand nehmen oder in den Arm oder die in einem Bett zusammen schlafen, ohne dass ein Aufschrei ertönt. Aber Steinhöfel schafft es auch die Umgebung lebendig zu gestalten und uns durch einen Teil Berlins zu geleiten, wo ein Großteil seiner Geschichten spielen. Dazu trägt auch in hohem Maße der Schreibstil bei, der aber viele kleine versteckte Details enthält, die jüngeren Kindern vermutlich gar nicht auffallen werden. Daher ist das Buch durchaus auch etwas für Jugendliche und Erwachsene geeignet, empfohlen ab 10, richtig zu genießen aber wahrscheinlich erst ab 12-14.
Trotzdem ist Rico, Oskar und die Tieferschatten eine liebevolle Geschichte mit absolut warmherzigen Charakteren, die Groß und Klein gefallen wird. Am besten zusammen lesen und richtig genießen und danach gleich noch mal lesen!