Der Pfad in den Dschungel
3. Lamashan 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung
In dieser Nacht wurde Kuraz von schrecklichen Träumen geplagt. Menschengroße Krebse jagten sie über das Deck der Jenivere, während hinter ihr ein Lachen zu vernehmen war, das von einer großen Schlange kam. Das Zischen dröhnte noch immer in ihren Ohren, als sie erwachte und von der aufsteigenden Sonne bereits wieder geblendet wurde. Sie war schweißgebadet, ohne sich auch nur einen Zentimeter bewegt zu haben. Sie setzte sich auf und atmete tief durch, bevor sie nach den anderen Ausschau hielt. Die meisten schliefen noch, doch Emere stand mit beiden Füßen im Wasser und blickte über das Meer. Sie wirkte nachdenklich, beinahe verzweifelt. Kuraz raffte sich auf und überlegte, ob sie sich zu ihr gesellen sollte, aber vielleicht brauchte Emere einfach etwas Zeit für sich. Da sie sonst nichts zu tun hatte, begann Kuraz ihre Sachen zusammen zu packen.
„Guten Morgen.“
„Oh, Emere, ich dachte, du willst vielleicht allein sein. Da habe ich schon angefangen…“
„Ist gut, du musst dich nicht rechtfertigen. Ich wollte dir nur guten Morgen sagen. Hast du gut geschlafen?“
„Es ging. Ich hab‘ was ziemlich Merkwürdiges geträumt. Von einer Schlange, keine Ahnung.“
„Hm, weißt du, ich habe mir Gedanken gemacht, was diese Ieana hier wollen könnte, warum sie dazu den Kapitän missbraucht und uns alle beinahe getötet hat. Aber ich komme einfach nicht darauf. Ihre Forschungen, womit auch immer sie sich beschäftigen mögen, können all das nicht rechtfertigen. Vielleicht ist sie besessen von etwas.“
„Ich weiß nicht. Ich will eigentlich nur, dass wir alle hier überleben und von der Insel runter kommen.“
„Na hör mal, ich dachte, du willst ein richtiger Abenteurer werden! Da müssen dich doch ihre Beweggründe interessieren. Verspürst du denn gar keine Lust, ihr zu folgen und herauszufinden, was sie will?“
Kuraz versuchte das Verlangen zu spüren, Ieana zu folgen, aber stattdessen wurde ihre Aufmerksamkeit auf ihre Begleiter gelenkt und darauf, dass sie sich wünschte, sie würden alle überleben.
„Nein, ich glaube nicht. Vielleicht, wenn es nur um mich ginge, aber ich denke, es ist erst einmal wichtiger, dass wir uns alle in Sicherheit begeben. Was mit Ieana ist, können wir später noch klären.“
„Du bist so süß, weißt du das? Aber ihr armen Kinder müsst ja auf der Straße möglichst auch zusammen halten.“
Emere tätschelte ihren Kopf, als wäre sie ein Hund. Kuraz kräuselte gekränkt die Nase.
„Ich komme nicht von der Straße! Ich habe Eltern und eine Schwester und auch wenn wir nicht viel Geld haben, kommen wir gut zurecht! Ich brauche dein Mitleid nicht!“
Die Worte waren schärfer ausgesprochen, als sie es beabsichtigt hatte. Sie hatte Emere nicht anschreien wollen, denn immerhin, auch wenn die Taldani sie bevormundete, war sie es doch gewesen, die ihr diese Reise überhaupt erst ermöglicht hatte, das rief sich Kuraz immer wieder in ihr Gedächtnis zurück, auch wenn es sie langsam nervte.
„Du verbringst ein bisschen zuviel Zeit mit unserer Elfe, für meinen Geschmack. Ich bemitleide dich nicht, doch du bist noch ein Kind, Kuraz, auch wenn du erwachsen erscheinen magst und gute Entscheidungen triffst. Du solltest froh darüber sein, dass es jemanden gibt, der sich um dich kümmert.“
„Ja, das bin ich ja, aber ich…“
Emere streckte ihre Arme aus und legte ihre Hände auf ihre Schultern. Obwohl sie schwer waren, fühlten sie sich beruhigend an und Kuraz hätte sich gerne an sie gelehnt und diesen Moment eine Weile genossen, aber allein der Gedanke daran beschämte sie, so dass sie den Blick senkte.
„Es ist gut. Du hast mich oft überrascht und ich habe dich unterschätzt. Das tut mir Leid, doch lass mich dich ab und an necken und dir helfen, selbst wenn du diese Hilfe nicht brauchst, in Ordnung?“
Kuraz sah auf. Ihr Wunsch, Emere zu umarmen, wurde noch stärker, bis er sie überwältigte und sie ihre Arme um ihren Körper schlang. Ungefähr zehn Sekunden lang genoss Kuraz das Gefühl, bevor sie Emere wieder los ließ, über das ganze Gesicht strahlte und sich ausgiebig streckte. Die Taldani war sichtlich überrascht, doch schließlich lächelte auch sie, bevor sie mit einem lauten „Guten Morgen“ alle anderen aufweckte.
Kurz nach einem kargen Frühstück schlich Manaal durch das Lager, kniete sich ab und an hin, fuhr mit den Händen über den Sand und trat schließlich zu ihren Gefährten, die mit mehr oder weniger zur Schau gestellter Begeisterung bereit standen.
„Ich denke, ich kann der Spur folgen. Wenn mich nicht alles täuscht, führt sie in die Richtung, in die wir ohnehin wollen. Aber wir müssen uns ein wenig sputen. Noch ein paar solcher Regengüsse mehr und ich werde nicht mehr viel zum Verfolgen haben.“
Keiner protestierte gegen Manaals Vorschlag und selbst wenn manche Proteste empfinden mochten, so waren sie zu müde und zu mitgenommen von der ewigen Hitze. Stumm marschierten sie in gewohnter Reihenfolge durch den Dschungel. Kuraz dachte über ihren Traum mit der Schlange nach und fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Gegen Mittag, als sie eine Pause einlegten, um zu essen und zu trinken, wandte sie sich an Jualy.
„Sag mal, Jualy, können Götter einem auch Träume schicken?“
„Aber natürlich, Kuraz, und das ist noch nicht einmal ungewöhnlich. Sie senden uns ihre Botschaften oft durch unsere Träume, weil sie häufig der einzige Weg sind, um unser Bewusstsein zu durchdringen und zu uns zu gelangen. Aber ich frage mich, welchen Traum dir der Trunkenbold geschickt haben sollte.“
Kuraz grinste schief bei der Erwähnung des Spitznamens ihres Gottes. Es gefiel ihr nicht, dass er nur unter diesem Aspekt gesehen wurde, doch sie sah keine Notwendigkeit darin, sich mit Jualy darüber zu streiten.
„Jedenfalls keinen, in dem es um Hopfen und Malz ging. Ich habe von einer Schlange geträumt. Sie hat gelacht, während mich diese komischen Eurypteriden über das Deck der Jenivere gejagt haben.“
„Eine Schlange?“ Jualy wirkte plötzlich besorgt. „Das ist seltsam, allerdings.“
„Ja, finde ich auch. Was soll das bedeuten? Bedeutet es überhaupt etwas?“
„Gut möglich, weißt du, als ich Alton untersucht habe, habe ich seltsame Bisse bei ihm gefunden. Da ich mir nicht wirklich erklären konnte, woher sie stammen sollten, dachte ich, es seien vielleicht Einstiche vom Stachel der Meeresskorpione, aber jetzt, wo du deinen Schlangentraum erwähnst, wird mir klar, dass sie aussahen wie Schlangenbisse. Allerdings hilft uns das wohl auch nicht weiter.“
„Nein, die Schlange, die wir an Bord hatten, war wohl nur eine sprichwörtliche“, murmelte Manaal, die vor ihnen lief, vor sich her. Kuraz nickte, dachte aber weiter an das schreckliche Zischen und das Lachen der Schlange, bis sie wieder aufbrachen. Manaal nahm keine Rücksicht auf die Schwächeren unter ihnen, sie wollte so schnell wie möglich voran kommen. Als der Nachmittag älter wurde und keine Regengüsse ihre Wanderung aufhielten, waren alle erleichtert, nur Aerys blieb inzwischen weit zurück.
„Sie leidet wohl noch immer an den Folgen des Strandens. Ich werde sie nachher untersuchen müssen.“
„Ach was, Jualy, sie leidet nur an den Folgen ihrer eigenen Dummheit“, wandte Emere ein. „Sie hat wohl schon länger nichts mehr getrunken. Ich nehme an, dass sie Entzugserscheinungen hat.“
„Umso mehr sollten wir uns um sie kümmern, sonst wird sie zusammen brechen. Ich bringe ihr Wasser.“
„Wartet! Seht mal!“
Manaal war stehen geblieben und deutete auf eine Art Hecke, ein gewaltiges Dickicht, das scheinbar ausschließlich aus Dornen bestand. Kuraz schauderte bei dem Gedanken, da hindurch zu müssen. Leider schien die Spur, die sie verfolgten, geradewegs in das Dickicht zu führen.
„Ich glaube einfach nicht, dass sie wirklich da durch marschiert sind“, mutmaßte Manaal und ging in die Hocke, um die Spur zu verfolgen. „Nein, außen herum. Aber das könnte uns Stunden kosten.“
„Ich werde da sicher nicht hindurch waten, Manaal!“
„Nein, das würde ich dir auch nicht raten. Das sind Vipernnesseln, äußerst sympathische Vertreter ihrer Art. Ihr Gift ist um einiges stärker als das normaler Nesseln wie Brennnesseln. Allerdings könnten ihre Beeren Aerys helfen.“
„Ihre Beeren?“ Kuraz versuchte die Beeren zu finden, von denen Manaal sprach. Sie waren rot wie Äpfel, aber sie wuchsen inmitten des Dickichts und waren unerreichbar. „Diese Beeren?“
„Genau diese Beeren, Kuraz. Sie heilen Krankheiten und Süchte, aber ob es das wert…Kuraz!“
„Das glaub ich jetzt einfach nicht! Komm zurück, du dummes Kind!“ rief Emere ihr noch hinterher, aber Kuraz watete bereits durch das Dickicht aus Dornen, die sich ständig in ihre Haut bohrten. Mit einigem Geschick schaffte es Kuraz, ihnen so auszuweichen, dass sie nicht durch ihre Haut stachen, trotzdem atmete sie auf, als sie endlich die Beeren erreicht hatte. Ihre Haut kribbelte überall. In aller Eile sammelte sie die Beeren ein, bis sie zwei Handvoll hatte. Gerade als sie nach der letzten Beere greifen wollte, übersah sie eine der kleineren Dornen, die einen blutigen Kratzer an ihrer Hand hinterließ. Kuraz spürte, wie ein schrecklicher Juckreiz sich sofort über ihren gesamten Arm ausbreitete. Sie musste zurück und zwar schnell. Die Sonne brannte auf ihr Gesicht und ihr wurde schwindlig. Der Rückweg war anstrengend und sie fühlte sich schrecklich. Torkelnd trat sie aus dem Dickicht der Vipernnesseln und fiel Emere direkt in die Arme.
„Wie bin ich bloß auf die Idee gekommen, deine Überfahrt zu bezahlen? Du bist einfach…“
Den Rest bekam Kuraz nicht mehr mit. Sie wurde ohnmächtig, aber das beendete ihr Leiden keinesfalls, denn in ihren Träumen saß sie in den Vipernnesseln fest. Ein schreckliches Zischen begleitete ihre verzweifelten Versuche den Stichen der Dornen zu entgehen, die sich wie Schlangenbisse anfühlten. Keuchend rang sie mit den Pflanzen, die sich um ihre Knöchel rankten, sie zu Fall brachten und sie in die Augen der Schlange blicken ließen, die ihr gewaltiges Maul aufriss und ihr direkt ins Gesicht zu beißen drohte.
„Kuraz? Komm zu dir. Du musst etwas trinken.“
Kuraz versuchte tief zu atmen. Was war passiert? War sie noch im Dickicht? War sie gestorben? Wie viel Zeit war vergangen? Sie spürte die kühle Nachtluft, um sie herum war es dunkel und sie war dankbar dafür.
„So jemanden wie dich habe ich wirklich noch nie getroffen. Hätte ich geahnt, was für einen Ärger du uns machst, hätte ich dich in Magnimar gelassen. Jetzt trink etwas!“
Ihr Kopf wurde angehoben, eine Schale wurde an ihren Mund gesetzt, sie spürte eine warme Flüssigkeit ihre Kehle hinunter laufen, aber es fühlte sich gut an. Sie öffnete die Augen und gähnte, als hätte sie drei Tage hindurch geschlafen.
„Schön, dass du wieder unter uns Lebenden weilst. Wie geht‘s dir?“
„Ich glaube, ganz gut. Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen ganzen Tag. Jask hat dich gestern durch den Dschungel geschleppt, bis wir einen vernünftigen Lagerplatz gefunden haben. Seitdem wachen wir hier über dich, wieder einmal. Ich weiß bald nicht mehr, was ich mit dir anfangen soll. Wieso bist du bloß da rein gegangen? Dein ganzer Körper war übersät mit einem hässlichen Ausschlag! Zum Glück konnte Jualy dich heilen und deine Wunden schließen, sonst wären gleich noch Insekten über dich hergefallen.“
„Es tut mir Leid. Ich dachte nur, dass es Aerys helfen würde, von den Beeren zu essen.“
„Das hat es auch. Es geht ihr um einiges besser, aber es wäre nicht nötig gewesen. Entzugserscheinungen ebben irgendwann ab. Außerdem trägt sie selbst Schuld an ihrem Elend, das hättest du nicht tun sollen.“
„Aber es hat ihr geholfen.“ Kuraz ließ sich auf ihren Schlafplatz zurück sinken. „Das war es wert.“
„Bitte, wie du meinst, aber das nächste Mal lassen wir dich einfach liegen. Du hältst uns ständig auf.“
„Tut mir Leid, ehrlich.“
„Jetzt setz nicht schon wieder deinen Hundeblick auf! Versuch noch ein wenig zu schlafen. Morgen gehen wir weiter und du solltest fit sein, denn ich werde nicht noch mal zulassen, dass einer von uns dich durch den Dschungel tragen muss, hast du das verstanden?“
„Zu Befehl, Kommandant!“
„Werd‘ ja nicht noch frech! Töricht und vorlaut, das habe ich wirklich gern!“
Emere schimpfte noch, als sie sich bereits, nicht weit entfernt von Kuraz, auf ihre Lagerstätte gelegt hatte. Kuraz beobachtete durch das Dach der Bäume den Himmel und die zahlreichen Sterne, die sie in Magnimar nur selten gesehen hatte. Es war wirklich dumm gewesen, sich dieser Gefahr auszusetzen, aber wenn es Aerys nun besser ging, kamen sie schneller voran. Mochte die Halb-Elfe auch Schuld an ihrem Zustand tragen, so war Kuraz doch froh, die Beeren gesammelt zu haben.
„Töricht und vorlaut, jawohl!“
Kuraz lachte leise, bevor sie die Augen schloss und in dieser Nacht von keiner Schlange verfolgt wurde, zumindest nicht in ihren Träumen.
Die roten Augen der Nacht
5. Lamashan 4708, Schmugglerinsel, Bucht der Verzweiflung
Am sechsten Tag ihrer Reise war die Hitze beinahe unerträglich. Kuraz war dennoch guter Dinge. Sie konnte sich nicht erinnern, sich während ihrer Reise schon jemals so gut gefühlt zu haben. Bis auf Jask schien jedoch keiner ihren Enthusiasmus teilen zu können. Es war bereits später Nachmittag, als der kleine Fluss, dessen Verlauf sie seit dem Dickicht gefolgt waren, versiegte.
„Na schön, weiter kommen wir heute nicht. Lasst uns hier das Lager aufbauen. Ich bin echt fertig.“
„Hört, hört, die Elfe ist fertig. Dann war dies wirklich ein anstrengender Tag“, spottete zur Abwechslung einmal nicht Emere, sondern Gelik, der seine Reisegefährten anscheinend zwar mochte, sich aber den einen oder anderen Kommentar nicht verkneifen konnte. Manaal schenkte ihm nicht weiter Beachtung, sondern machte sich daran, gemeinsam mit Jask das Lager aufzubauen. Der tägliche Regen ließ sich Zeit, bis die Hälfte des Lagers stand, dann brach der Regenguss über sie ein. Zusammen gedrängt standen sie unter dem halbfertigen Zeltdach, während um sie herum das Licht der Sonne erlosch und es dunkel wurde.
Erst spät in der Nacht war das Lager fertig und mit Jualys Hilfe hatten sie es geschafft, trotz nasser Zweige, ein kleines Feuer zu entzünden, an dem Kuraz saß, um Wache zu halten. Sie war müde und hätte lieber geschlafen, aber obwohl ihnen bisher nichts Bösartigeres außer den Vipernnesseln über den Weg gelaufen war, konnten alle besser schlafen, wenn einer von ihnen das Lager bewachte. Doch es fiel ihr schwer, die Augen nach diesem Tag noch offen zu halten. Sie versuchte, daran zu denken, was hinter ihnen lag und was noch auf sie warten würde. Sechs Tage befanden sie sich inzwischen auf dieser Insel. Sie kamen nur langsam voran und wie Kuraz es sah, lag das vor allem an ihr. Zweimal hatten sie inzwischen wegen ihr einen längeren Halt einlegen müssen. Kuraz seufzte leise.
„Vermutlich hat Emere recht. Du bist noch ein Kind. Die anderen sind viel erfahrener und kommen mit der Situation besser zurecht. Die machen nicht so leicht schlapp! Also wirst du dich jetzt auch zusammen reißen!“
Plötzlich raschelte es hinter ihr. Kuraz sprang auf die Beine und wandte das Gesicht dem dichten und dunklen Dschungel entgegen. Sie konnte nichts erkennen, aber da war etwas gewesen.
„Nur einer dieser komischen Hasen, ganz bestimmt. Kein Grund, nervös zu werden. Alles in Ordnung.“
Kuraz erstarrte. Vor ihr in der Dunkelheit glühte ein rotes Augenpaar auf. Das varisianische Mädchen sog die sie umgebende Luft ein, bis ihre Lunge zu platzen drohte. Beim Ausatmen zwinkerte sie mehrmals und als sie wieder an die Stelle sah, wo das rote Augenpaar sie beobachtet hatte, war nichts weiter außer Finsternis.
„Einbildung, alles nur Einbildung, ich hab mir das nur eingebildet.“
Kuraz zitterte am ganzen Leib und wäre am liebsten zu Emere gekrochen, um sie aufzuwecken, aber diese Blöße konnte sie sich nicht geben. Emere und mit Sicherheit auch Gelik würden sie ewig verspotten und sie als Kind ansehen. Deshalb atmete Kuraz ein paar Mal tief durch und ließ sich auf ihrem Platz nieder, wobei sie weiterhin das untrügliche Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Nach einer Weile aber besiegte die Müdigkeit ihre Angst und wenn Kuraz nicht während des Einnickens das ewige Zischen der Schlange aus ihren Träumen im Ohr gehabt hätte, was sie nicht mehr ruhig schlafen ließ, dann hätte die riesige Spinne, die sich leise und gemächlich von einem der Bäume, an denen sie ihre Planen befestigt hatten, herab ließ, eine leckere und einfach zu verspeisende Mahlzeit gehabt. Doch gerade als die Spinne mit ihren Giftzähnen eine Probe von Kuraz‘ Hals nahm, erwachte das Mädchen und schlug aus Panik wild um sich.
„Spinne! Spinne!“ schrie sie durch das ganze Lager und weckte schlagartig ihre Gefährten, die sich in der Dunkelheit erst einmal orientieren mussten. Kuraz rollte dagegen zur Seite und zog ihr neues Kurzschwert hervor. Sie hieb nach einem der acht behaarten Beine und schlug es vom Körper der Spinne, die sich daraufhin auf ihre anderen Beine stellte und bedrohlich zischte, was Kuraz nur noch mehr an die Schlange aus ihren Träumen erinnerte.
„Mistvieh! Wir sind kein Mitternachtsmahl, verstanden?“ Manaal fischte nach ihrem Langschwert, bekam es zu fassen und schlug nach der Spinne, die aber flink genug war, um der Klinge zu entgegen. Kuraz rappelte sich wieder auf, als ihr Ohr dieses Mal nicht von einem Zischen, sondern von Emeres Stimme berührt wurde. Wie bereits im Rumpf der halbgesunkenen Jenivere, tänzelte die Frau auf die Spinne zu und sang dabei ein Lied, das Kuraz nicht nur äußerst gut gefiel, sondern in ihr auch neue Hoffnung zu wecken schien. Sie sprang der Spinne mit einem Schrei entgegen und verfehlte sie nur um wenige Millimeter, doch ihr Sprung hatte die Spinne genau in Manaals Richtung ausweichen lassen und die Elfe nutzte den Moment. Mit einer Präzision, die nur Elfen eigen ist, glitt die Klinge ihres Langschwertes in den Leib der Spinne, die einen hohen, markerschütternden Schrei von sich gab, bevor ihre verbliebenen Beine unter ihr nachließen und sie zu Boden fiel.
Angewidert zog Manaal ihr mit grünem Schleim bedecktes Schwert aus dem Hinterleib der Spinne und reinigte es mit einigen Blättern, bevor sie die Klinge in die Scheide zurück gleiten ließ. Kuraz machte es ihr nach und versuchte dabei möglichst erfahren und sicher zu wirken, wobei sie zwei Anläufe brauchte, um das Schwert zurück zu stecken. Sie war es eben nicht gewohnt, eine solch prächtige Waffe mit sich zu führen.
„Das war knapp! Kuraz, alles in Ordnung?“ Emere klang wenig besorgt und sah sie nicht einmal an. Kuraz fand es beinahe schade, nicht von ihr getröstet und bemuttert zu werden, andererseits hatte sie es selbst so gewollt.
„Ja, alles bestens. Allerdings hat sie mich angeknabbert. Aber das ist nichts weiter!“
„Angeknabbert?“ Jualy schritt vorsichtig an der Spinne vorbei und griff Kuraz in den Nacken, wo sie die zwei schmerzhaften Bissmale betastete. „Setz dich da drüben hin! Ich muss sehen, ob sie dich vergiftet hat!“
„Nein, mir geht‘s gut, ehrlich! Es hat kurz gekribbelt, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.“
„Kuraz, tu was ich dir sage!“
Zwei Sekunden später saß Kuraz mit nach vorn gebeugtem Kopf und wartete, bis Jualy ihre Untersuchung abgeschlossen hatte. Sie hatte die kleine Wunde zudem mit einem kühlen Brei, gewonnen aus einer einzigen Beere der Vipernnesseln, bestrichen.
„Die Wunde sieht sauber aus. Vermutlich konnte sie nicht lange genug beißen, um dir ihr Gift zu injizieren, du hattest Glück. Aber du solltest bei deiner Wache vorsichtig sein und wenn du dich verletzt, zeig es mir gleich! In Magnimar mag ein Kratzer nur ein Kratzer sein, hier ist er gleichzeitig Nahrungsquelle und Nistplatz für Insekten!“
„Ja, es tut mir Leid, ich wollte dir nicht widersprechen. Ich wollte nur nicht, dass du dir umsonst Sorgen machst.“
„Du bist eben doch noch ein Kind!“ schimpfte Emere und ließ ihre Hand durch Kuraz‘ verschwitzte Haare gleiten. Sie lächelte dabei, nur Manaal schüttelte den Kopf.
„Als ob das etwas damit zu tun hätte. Ab jetzt werden wir aber noch vorsichtiger sein müssen, deshalb werden immer zwei von uns Wache halten. Und wir müssen besser auf die Bäume acht geben, in deren Nähe wir unser Lager errichten.“
„Ich dachte, du hättest bereits darauf geachtet!“ spöttelte Emere in Manaals Richtung.
„Es tut mir Leid, dass ich in der Finsternis nichts mehr erkennen kann. Wenn wir endlich ein festes Lager aufschlagen könnten, wäre das alles kein Problem.“
„Na schön, ihr habt mich davon überzeugt. Lasst uns morgen nach einem geeigneten Ort für ein Lager suchen. Der Karte nach zu urteilen sind wir zwar nicht weit gekommen, aber vom Leuchtturm sind wir höchstens zwei oder drei Tagesreisen entfernt. Ohne Gepäck vielleicht noch weniger. Wie sieht es mit den Spuren der anderen aus?“
„Wenn der Regen heute nicht alles verwischt hat, dürfte ich sie auch weiterhin verfolgen können.“
„Prima, dann stört es euch doch bestimmt nicht, wenn wir jetzt eine Runde weiterschlafen, oder? Ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Es hat seine Gründe, warum ich so fabelhaft aussehe!“
Kuraz grinste Gelik an, der ihr ein Zwinkern schenkte und sich auf die andere Seite drehte. Kurze Zeit später erklang sein charakteristisches, fiependes Schnarchen. Manaal und Tascha übernahmen die nächste Wache, doch Kuraz konnte dennoch nicht gut einschlafen. Sie erinnerte sich an das Zischen der Schlange und an die schrecklichen roten Augen, die sie gesehen und von denen sie den anderen lieber nichts erzählt hatte. Sie hoffte nur, dass sie wirklich nicht mehr allzu lange auf der Insel würden verweilen müssen, aber wenn sie weiter so voran kamen, wäre das wohl unausweichlich.