Die Kapitänskajüte war nicht abgesperrt, was Emere und Kuraz sofort zu denken gab. Das Erste, was sie nach dem Betreten sahen, war ein gewaltiges Loch in der Außenhaut des Schiffes, das einen Großteil der Besitztümer des Kapitäns vermutlich längst auf den Meeresboden gespült hatte. Einzig der Schreibtisch und eine größere Truhe, die nicht durch das Loch gepasst hatten, waren noch unbeschädigt und zurück geblieben. Kuraz war froh, dass sie nicht auf die Leiche des Kapitäns stießen.
„Sieh du dir die Truhe an, ich nehme mir den Schreibtisch vor. Aber sei vorsichtig, damit du bei einer Welle nicht aus dem Schiff gespült wirst!“ Emere ging konzentriert an die Arbeit. Ihr harscher Ton war keineswegs so überheblich wie sonst, es schien Kuraz eher so, als wäre sie besorgt und nun dabei, die Zügel in die Hand zu nehmen, damit die Katastrophe nicht noch schlimmer wurde. Kuraz hockte sich vor die Truhe und öffnete sie. Zu ihrem Glück war sie nicht verschlossen. Der Inhalt kam ihr vor wie ein kleiner Schatz. Auf einem ledernen Anzug, der aus einer Weste und einer Hose bestand, lagen ein Beutel, mit dem Kuraz nichts anzufangen wusste, das Symbol eines Gottes mit zwei unterschiedlichen Gesichtshälften, ein Dolch – das, was ihr am meisten ins Auge stach – und zwei Phiolen mit einer hellen Substanz. Kuraz nahm sogleich den Dolch an sich und befestigte ihn neben ihrem Schwert. Die Phiolen aus der Truhe bergend, stand sie auf und begann den Inhalt zu schütteln, bis eine kräftige Hand sich um ihr Gelenk schloss.
„Du weißt nicht, was sich darin befindet, meine Kleine. Ich würde kein Risiko eingehen.“ Emere lächelte freundlich, doch ihre Worte waren ebenso bestimmt gesprochen wie ihre vorherigen Anweisungen. „Das Symbol, sieht aus wie das Symbol des Nethys. Scheint mir, als sei dein Freund ein Priester.“
„Du meinst Jask? Oh, dann ist das also seine Ausrüstung. Prima! Jetzt brauchen wir nur noch den Schlüssel!“
Kuraz freute sich und packte alle Gegenstände zusammen, die sie in der Truhe finden konnte. Allerdings würde der Transport schwierig werden.
„Pack es in meinen Rucksack und bind ihn dir auf den Rücken.“
Kuraz nahm Emeres Rucksack entgegen, ihr eigener war auf der Strecke geblieben, und packte den Schatz, was Jasks Ausrüstung in Kuraz‘ Augen war, hinein. Unterdessen öffnete Emere eine Schublade nach der anderen. In einer befand sich ein Schlüsselbund, bei dem Kuraz beinahe aufgeschrieen hätte. Sicher war da der Schlüssel für Jasks Handschellen mit dabei.
„Eigenartig. Der Kapitän scheint gar keine Zeit mehr gehabt zu haben, den Schlüssel zu holen.“
„Nein, die Jenivere war sicher schon am Sinken und dann hat er Jask einfach so ins Boot gebracht.“
„Möglich, gut möglich“, murmelte Emere vor sich her, während sie den Schlüsselbund in den Rucksack auf Kuraz‘ Rücken steckte. „Schauen wir mal, was wir noch finden können.“
Eine der Schubladen offenbarte mehrere Karten, die Emere einfach ungesehen einsteckte, und das Logbuch des Kapitäns, das sie ebenfalls, ohne es zu würdigen, in den Rucksack packte, der langsam schwerer wurde. Nur die unterste Schublade wollte sich nicht öffnen lassen. Emere zerrte daran, bis der Griff abbrach.
„Verdammt!“
Kuraz zuckte zusammen, doch Emere beruhigte sich schnell wieder und versuchte zu lächeln.
„Tut mir Leid, aber die Schublade geht nicht auf. Gehen wir zu den anderen zurück.“
„Warte! Vielleicht ist da noch was Wichtiges drin.“ Kuraz griff zu ihrem Kurzschwert, was Emere mit einem Augenbrauenzucken quittierte, und schlug mit dem Schwert auf das Holz ein, als sei es der Eurypterid.
„Rohe Gewalt, ich sehe schon, das ist eher dein Metier, meine Kleine.“
Schwer atmend, aber mit einem zufriedenen Lächeln, sah Kuraz zu Emere.
„Glaube ich auch. Jedenfalls ist die Schublade jetzt offen.“
„Schauen wir mal, ob sich dein Einsatz gelohnt hat.“ Emere beugte sich hinunter. Zuerst sah es nicht danach aus, als wäre etwas Wertvolles darin zu finden. Neben einer Flasche mit Alkohol, die Emere sofort durch das Loch beförderte, fand sich ein Schiffsmodell der Jenivere in einem Glas. Es war zwar gut gefertigt, aber die Taldani sah keinen Sinn darin und warf auch das Modell einfach ins Meer. Kuraz sah nur die Golddukaten davon fliegen. Dann aber, in der hintersten Ecke der Schublade verborgen, fanden sich ein kleiner Koffer und ein Tornister. Emere stopfte alles, ohne hinein gesehen zu haben, wiederum in den Rucksack. Kuraz fragte sich zwar, woher sie wissen wollte, ob in Koffer und Tornister etwas Wertvolleres war als das Schiffsmodell, aber Emere schien es nun zusehends eiliger zu haben.
Manaal und Jualy hatten einige Werkzeuge aus dem Lagerraum geborgen. Manaals unscheinbarer Rucksack war prall gefüllt und auch Jualys Tasche wies zahlreiche Wölbungen auf.
„Wir haben etwas zu essen und frisches Wasser gefunden, aber es wird kaum für alle reichen“, erklärte die junge Tian und klopfte sanft auf ihre Tasche. Kuraz hätte einiges dafür gegeben, sogleich ein Stück vom Brot oder vom Käse nehmen zu können und durstig war sie ebenfalls, aber sie wusste, dass alles gerecht aufgeteilt werden musste, wenn sie alle überleben wollten und das war Kuraz‘ Ziel.
„Dann lasst uns gehen. Vom Kapitän oder dem Rest der Mannschaft haben wir nichts entdecken können. Wir haben allerdings den Schlüssel für Kuraz‘ neuen Freund und seine Habseligkeiten, sowie einige vielleicht nützliche Dinge aus dem Schreibtisch des Kapitäns geborgen.“
„Schön, dann sollten wir das Schiff verlassen. Ich glaube, die Flut setzt langsam ein und ich bin mir nicht sicher, wie viele Wellen es noch bedarf, um die Jenivere endgültig ihrem Schicksal zuzubringen.“
Mit diesen Worten drehte sich Manaal um und führte die Gruppe zurück auf das Deck. Allerdings hatten sie jetzt ein Problem. Wie sollten sie zurück auf den Vorsprung und den schmalen Pfad entlang der Klippen gelangen?
„Mist! Das hätte uns eher einfallen sollen.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Erst einmal werfen wir die Sachen nach oben. Das sind keine drei Meter bis zum Vorsprung, gib her!“
Manaal griff nach Jualys Tasche und warf sie auf den Vorsprung, wobei etwas in der Tasche kaputt zu gehen schien. Die Elfe grinste ihre Begleiterin entschuldigend an, aber Jualy schüttelte nur den Kopf.
„Ich muss mich korrigieren, Emere, wir haben etwas zu essen gefunden. Etwas, das nun auch durchweicht ist.“
„Dabei müssten Elfen doch wesentlich länger Zeit haben, um über ihre Handlungen nachzudenken.“
„Ich fürchte, Manaal hat noch nicht begriffen, dass sie ihre Tätigkeiten auf fünf Jahrhunderte verteilen muss. Und dabei ist ihr jetzt schon manchmal langweilig, wie soll das erst in zweihundert Jahren aussehen?“
Kuraz sah zu Manaal hinüber, deren Gesichtszüge empfindlich zu entgleisen drohten, während sich Jualy und Emere gemeinsam über sie lustig machten. Kuraz freute es, dass die Taldani zumindest mit Jualy besser zurecht kam. Manaal schnaubte verächtlich und warf ihren eigenen Rucksack der Tasche Jualys hinterher, wobei erneut irgendetwas zu Bruch ging. Kuraz überdachte schnell, ob in Emeres Rucksack Zerbrechliches zu finden war und reichte ihn der Elfe hinüber, damit sie ihn auf den Vorsprung warf. Bis auf ein Klappern war nichts zu vernehmen.
„Kannst du springen? Und zwar nicht auf Emeres Befehl, sondern hoch und weit?“
Die kleine Spitze gegen sie schien Emere gar nicht wahrzunehmen. Kuraz schüttelte den Kopf. Es würde in einer Katastrophe landen, wenn sie es versuchte.
„Ach komm schon, sei kein Goblin! Wir springen zusammen.“
„Ich weiß nicht, das ist ziemlich hoch und weit und…“
„Das heißt also, du möchtest hier auf dem Schiff elendig sterben, von dem der erste Maat dich gerettet hat?“
Kuraz‘ Schultern sanken tiefer. Manaal wusste, wie sie sie treffen konnte, und so fand sich Kuraz einige Sekunden später an scharfen Klippen hängend wieder. Manaal zog sich neben ihr auf den Vorsprung und half ihr hinauf, bevor sie ein Seil aus ihrem Rucksack holte und es vom Vorsprung aufs Deck hinunter warf. Emere ergriff es und ließ es sofort wieder los, um auf ihre Hände zu sehen.
„Was ist denn das für ekliges Zeug da dran?“
„Das war mal Lampenöl“, erklärte Jualy neben ihr und schüttelte den Kopf. „Das war das zweite zerbrechende Klirren.“
„Ah, ich verstehe. Gut gemacht, Elfe, dann wissen wir zumindest wer Nachtwache halten wird.“
Manaal murmelte einige Flüche in sich hinein, von denen Kuraz keinen kannte, die aber allesamt als solche zu erkennen waren. Emere griff erneut nach dem Seil und zog sich vorsichtig daran hinauf, wobei ihr das aufgrund des Öls schwerer fiel, als es normalerweise gewesen wäre – ein Umstand, der Manaal zu freuen schien. Nur als Jualy dieselben Probleme hatte, wurde sie wieder ernst und entschuldigte sich, zumindest gegenüber der Tian, wegen ihres unbedachten Verhaltens. Jualy lächelte nur und fuhr ihr flüchtig über die Wange.
Kuraz hätte es nie für möglich gehalten, aber der Rückweg war noch schlimmer als der Hinweg. Sie waren schwer beladen, das Wasser stieg von Minute zu Minute und jeder Sprung wurde von Angst und einem elenden Magengrummeln begleitet. Sie war mehr als nur erleichtert, als sie endlich wieder Sand unter ihren Füßen spürten und die restlichen Überlebenden erblickten. Diese schienen sich bereits in den Schatten einiger Bäume, am Rande des undurchdringlichen Dschungels, zurück gezogen zu haben, nur Ischiro stand noch in der Sonne und blickte von Ost nach West und schließlich direkt in ihre Augen. Als er sie sah, nickte er, half ihnen aber nicht die schweren Rucksäcke zu den anderen zu bringen. Kuraz war froh, als sie endlich im Schatten saßen und begutachteten, was sie erbeutet hatten. Als Erstes hätte sie gerne Jask von seinen Fesseln befreit, aber Manaal untersuchte die Werkzeuge, die Seile, den Rest des Öls und eine große Plane.
„Davon gibt es noch mehr auf dem Schiff. Es wäre klug, noch einmal zurück zu kehren, um alles mitzunehmen, was wir noch retten können. Damit ließe sich vielleicht eine Art Zelt oder zumindest ein Unterstand errichten.“
„Ich würde gerne helfen“, meinte Jask.
„Wirst du auch“, antwortete Kuraz begeistert und wühlte in Emeres Rucksack nach den Schlüsseln. Es dauerte eine Weile, bis sie den richtigen gefunden hatte, doch als die Fesseln sich um Jasks Handgelenke lösten, atmete er tief durch und zog Kuraz in seine Arme.
„Vielen, vielen Dank“, raunte er ihr ins Ohr. „Das war sehr nett von dir.“
„Gerne, aber es geht noch weiter!“ Kuraz griff zu dem Dolch, den sie an ihrem Seil um die Hüfte befestigt hatte, aber da legte Emere ihr eine Hand auf die Schulter.
„Warte. Dieser Mann ist nicht umsonst ein Gefangener. Ich werde dir keine Waffe oder dein heiliges Symbol des Nethys übergeben, solange ich nicht weiß, warum du gefangen genommen wurdest.“
Jask schwieg und senkte den Blick auf seine entfesselten Hände. Als er wieder aufsah, wirkte er verschlossen, aber zutiefst ehrlich. Seine Stimme war fest, als er sprach: „Ich bin frei. Ich werde euch helfen, auch ohne meinen Dolch und das Symbol meines Gottes.“
„Schön, aber du bleibst unter Aufsicht. Wer will noch helfen?“
Kuraz war nicht damit einverstanden, dass Emere Jask weiter als einen Gefangenen betrachtete. Sie glaubte nicht daran, dass der Mann gefährlich war, aber letztlich hatte sie das Gefühl, dass es nicht klug wäre, sich gegen Emere zu stellen, vor allem da selbst Manaal und Jualy nichts Gegenteiliges zu sagen hatten und ihre Meinung wohl teilten.
Da das Wasser inzwischen wieder so hoch gestiegen war, dass sie den kleinen Pfad entlang der Klippen nicht nutzen konnten, entschieden sie, sich einen kleinen Unterstand zu bauen und am Abend noch einmal zum Schiff zurück zu kehren. Neben Jask wollten auch Tascha und Ischiro sie begleiten. Aerys ging es einfach viel zu schlecht. Die Auswirkungen des Schiffbruchs schienen bei ihr schlimmer zu sein als bei den anderen, und Gelik meinte, er sei zu klein und zu leicht, um solche Aufgaben zu bewältigen.
Mit Hilfe der Seile spannte Manaal die Plane so zwischen vier dicht beieinander stehende Bäume, dass sie zumindest vor der Sonne einigermaßen geschützt waren. Das Essen reichte wie erwartet nicht für alle. Außerdem war es durch Manaals Unachtsamkeit durchweicht. Daher entschloss sich die Elfe dazu, jagen zu gehen.
„Wer begleitet mich?“
Bis auf Kuraz hob niemand die Hand. Die meisten lagen träge unter der Plane und hielten sich die knurrenden Mägen. Außerdem hatten sie kein Wasser und ihr Durst wurde langsam unerträglich. Selbst Jualy wollte nicht mitgehen, sondern lieber im Schatten verbleiben.
„Nehmt es mir bitte nicht übel, aber wenn ich jetzt aufstehe, falle ich sofort wieder um.“
„Kein Problem. Ruht euch aus. Wir kriegen das schon hin. Wir bringen auch Wasser mit, wenn wir welches finden.“
„Aber seid vor Anbruch der Nacht zurück!“ warnte Emere. „Wir wissen nicht, was sich im Dschungel herum treibt und denkt daran, dass wir noch einmal auf die Jenivere zurück kehren wollen.“
Manaal erwiderte nichts, sondern ging geradewegs in den Dschungel, während Kuraz Emere versicherte, sie würden sich beeilen und gesund wiederkehren. Doch schon nach den ersten Metern wurde beiden klar, dass der Dschungel kein einfacher Wald war. Überall stolperten sie über Wurzeln oder mussten umkehren, weil das Dickicht sie nicht weiter ließ. Tiere gab es genug, doch sie wussten sich zu verbergen und zu flüchten, sobald Manaal und Kuraz nur in ihre Nähe kamen. Das Einzige, was sie schließlich erbeuten konnten, war ein Hase mit kurzen Ohren, aber einem längeren Schwanz und geraden Beinen. Er war groß, aber er würde dennoch nicht alle Mäuler satt machen. Und zu allem Überfluss fing es am frühen Nachmittag an zu regnen, so heftig, dass Manaal und Kuraz sich nur mithilfe eines riesigen Farnblattes vor der Nässe schützen konnten.
„Sieht so aus als wären wir geradewegs auf einer der Höllenebenen gelandet.“
„Wir kommen schon wieder von hier weg. Keine Sorge. Wir müssen nur einen Weg finden, von hier zu flüchten.“
„Ja und das wird bestimmt ganz einfach werden. Deinen Optimismus möchte ich haben, Kuraz.“
„Aber es muss einen Weg geben und es gibt auch immer einen Weg und deshalb werden wir ihn auch finden.“
Kuraz rutschte ein Stückchen tiefer in den regenschützenden Schatten des Farnblattes, während Manaal nur einmal mehr über die grenzenlose Zuversicht der Menschen lächeln konnte.
„Du hast Recht, aber zuerst sollten wir einen Weg zurück zum Lager finden, denn bald wird wieder Ebbe sein und wir müssen zusehen, dass wir den Rest der Werkzeuge aus dem Schiff bergen. Außerdem sollten wir deine Emere nicht zulange mit den anderen allein lassen.“
„Sie ist nicht meine Emere“, murrte Kuraz und streckte die Hand unter dem Farnblatt hervor, um zu sehen, wie stark der Regen noch war. „Sie hat meine Überfahrt bezahlt, ich finde es daher richtig, ihr zu helfen.“
„Die Überfahrt ist gescheitert und du hilfst ihr nicht, du dienst ihr. Und die Taldani nutzt das ordentlich aus. Lass dich nicht von ihr herum schubsen. Jetzt, da wir hier auf der Insel sind, sollte jeder jedem helfen und das gilt auch für Emere, verstanden?“
„Ja“, meinte Kuraz leise und war sich dennoch nicht sicher, ob Emere das wohl auch so verstehen würde. Schließlich brachen sie wieder auf, um zum Lagerplatz zurück zu kehren. Dank Manaals Fähigkeiten, sich in noch so dichtem Gestrüpp zu orientieren, fanden sie den Weg mühelos, als der Regen endlich aufgehört hatte. Die Flut war vorbei und Ebbe setzte langsam wieder ein.
„Da seid ihr ja, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Jualy begrüßte sie mit einer Umarmung, als wären sie Tage lang fort gewesen. Kuraz freute sich darüber, Manaal schien es eher peinlich zu sein, aber Elfen waren dafür berühmt, ihre Gefühle nicht derart offen zu zeigen, wie Menschen es taten. Jask zwinkerte Kuraz zu, als sie sich wieder zu ihnen unter die Plane setzte, doch Emere war in das Studium des Logbuchs vertieft. Ohne aufzusehen, verkündete sie:
„Erinnert ihr euch an diese Gelehrte? Scheint mir so, als hätte sie etwas mit dem Kapitän angestellt. Dem Logbuch zufolge war er eifersüchtig auf jeden, der Ieana zu nahe gekommen ist. Er hat schließlich sogar geschrieben, dass er froh wäre, wenn der erste Maat sterben würde. Außerdem weiß ich jetzt, wer den Kurs geändert hat und warum. Es war der Kapitän selbst. Ieana hat ihn sogar darum gebeten.“
„Aber wieso sollte sie das tun? Wegen ihren Forschungen?“
Tascha lehnte an einem der Baumstämme, die die vier Ecken ihres Unterschlupfes bildeten. Sie war bei der Frage, wer noch einmal an Bord des Schiffes zurück kehren würde, sehr euphorisch gewesen, doch nun saß sie niedergeschlagen da und wirkte keineswegs sonderlich interessiert an den Beweggründen der Gelehrten Ieana.
„Möglich, sogar sehr wahrscheinlich. Ich kann mir sonst nicht vorstellen, was sie hier gewollt haben könnte.“
„Einen Schatz“, mischte sich plötzlich der sonst schweigsame Ischiro ein. „Womöglich.“
„Glaube ich nicht. Aber es ist vorerst auch gleich“, erwiderte Emere bestimmt. „Einer der Karten nach zu urteilen sind wir nicht soweit weg von der normalen Handelsroute. Anscheinend hörte diese Insel auf den Namen Schmugglerinsel. Hat jemand schon mal was von ihr gehört?“
„Oh ja!“ verkündete Jualy.
„Oh nein!“ heulte Manaal auf. „Nicht die Schmugglerinsel. Über diese Insel gibt es einige Gerüchte.“
„Allerdings“, bestätigte Emere. „Für alle, die nichts von der Schmugglerinsel wissen, sie ist nicht allzu weit von Eleder entfernt, gilt aber als eine der gefährlichsten Insel des Arkadischen Ozeans. Viele Schiffe sind hier schon auf Grund gelaufen und die meisten waren mit Schmugglern besetzt, daher auch der Name.“
„Ich habe gehört, dass es hier Geister und Untote geben soll“, fügte Manaal hinzu.
„Ganz abgesehen von Flüchen und der Vermutung, dass es hier sogar Kannibalen geben soll.“
„Richtig. Degenerierte Soldaten, chelische Soldaten wohlgemerkt. Sie sollen hier einst Schiffbruch erlitten und sich zu Kannibalen entwickelt haben. Das sind zwar nur Gerüchte, aber wir sollten dennoch vorsichtig sein.“
„Warte mal, Emere. Wenn das wirklich die Schmugglerinsel ist, dann gibt es hier doch den Leuchtturm. Soviel ich weiß, kam es nicht dazu, dass hier eine neue Kolonie gegründet wurde, aber der Leuchtturm soll stehen.“
„Stimmt, aber der Leuchtturm befindet sich am anderen Ende der Insel.“
Emere breitete die Karte in der Mitte der Gestrandeten aus. Kuraz betrachtete das Gebilde und fragte sich, wie sie aus dieser Karte schließen sollten, wo sie waren und wo sich der Leuchtturm befand.
„Ich schätze, wir sind hier oben gelandet. Die Formung der Bucht, aber auch unser letzter Kurs lassen mich zu dieser Schlussfolgerung gelangen.“ Emere tippte auf eine kleine Bucht im Norden der Insel.
„Der Leuchtturm müsste hier sein.“ Jualy fügte ihren Finger am südwestlichen Ende der Insel hinzu. „Eine ziemlich lange Strecke und wir wissen nichts über den Maßstab der Karte, noch über die wirklichen Gefahren, die hier lauern.“
„Wir konnten jedenfalls keine gefährlichen Tiere oder Kannibalen ausmachen, oder Kuraz?“
„Nein, aber ich habe auch keine sonderliche Lust, welche zu treffen“, gab das Mädchen zu.
„Das ist nachvollziehbar. Na gut, uns wird dennoch nichts anderes übrig bleiben, als den Leuchtturm zu finden. Vielleicht gelingt es uns, ein Signal zu entzünden und so ein anderes Schiff auf uns aufmerksam zu machen.“
„Aber zuerst kümmern wir uns besser um einen Unterschlupf.“ Manaal deutete auf das Licht im Westen. Es wurde Zeit. Wenn sie sich nicht beeilten, würde die Sonne untergehen und sie könnten erst am nächsten Morgen einen weiteren Versuch unternehmen – und wer konnte schon mit Bestimmtheit sagen, wie lange die Jenivere noch da sein würde?