
Autor: Simon Beckett
Originaltitel: Owning Jacob
Übersetzer: Andree Hesse
Genre: Thriller
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2009
Bindung: Softcover
Seitenzahl: ca. 415 Seiten
ISBN-Nummer: 978-3-499-24886-3
Preis: 9,95 Euro
Klappentext: Als seine Frau unvermutet stirbt, ist Ben am Boden zerstört. Allein Jacob, Sarahs autistischer Sohn, spendet ihm Trost. Doch während Ben die gemeinsame Wohnung aufräumt, macht er eine ungeheuerliche Entdeckung: Jacob war gar nicht Sarahs leibliches Kind. Offenbar hatte sie den Jungen entführt, als der noch ein Baby war. Fassungslos informiert Ben die Behörden, die Jacobs leiblichen Vater schnell ermitteln. Keiner ahnt, dass damit eine Lawine tödlicher Obsessionen ins Rollen gebracht wird.
Vorbemerkung: Obsession ist keine Fortsetzung der David Hunter-Reihe, sondern ein eigenständiger Roman, durch den sich Beckett eine neue Richtung ermöglicht. Diese Richtung erinnert ein wenig an die des neuen King, da sie recht psychologisch aufgebaut scheint.
Layout und Lektorat: Dieses Mal kommt der Einband ganz in Weiß daher mit einem roten und hervorgehobenen Schriftzug. Wie auch bei den anderen Romanen wirkt das Ganze sehr schlicht, aber passend. Das Lektorat konnte diesmal wirklich überzeugend, bei Rowohlt allerdings nichts Ungewöhnliches.
Inhalt: Sarah stirbt unvermittelt an einem Aneurysma und lässt ihren Mann Ben und ihren autistischen Sohn Jacob allein zurück. Ben ist erschüttert, doch dann findet er heraus, dass Sarah nicht die leibliche Mutter von Jacob ist. Ihre Freundin Jessica hat die Entführung des kleinen Jacob gedeckt und enthüllt Ben die ganze Wahrheit, der nun versucht, Jacob wieder zu seinen leiblichen Eltern zu bringen. Doch Jacobs bzw. Stevens Mutter ist längst verstorben. Zurück geblieben ist nur sein Vater, der jedoch gelinde gesagt eigenartig wirkt. Er nimmt Jacob zu sich und seiner neuen, recht zwielichtigen Frau Sandra und unterbindet mit Gewalt das Verhältnis zwischen Ben und seinem Sohn. Ben versucht nun alles, um Beweise zu finden, dass Jacobs Vater kein Umgang für den autistischen Jungen ist, dabei findet er jedoch Gefallen an Sandra, die einer Zweitbeschäftigung nach geht und findet heraus, das Jacobs Vater nicht nur gewalttätig, sondern auch psychisch krank ist. Doch was soll er tun, wenn das Jugendamt und auch die Polizei ihm keinen Glauben schenkt?
Bewertung: Die Idee, die Beckett hier aufgreift, ist sehr interessant. Eine Frau stirbt unvermittelt und hinterlässt ihrem Partner ein Stiefkind, das nicht einmal ihr Eigenes war und noch dazu autistisch ist. Leider ist es Beckett hier nicht wie sonst gelungen, diese Idee hervorragend umzusetzen. Statt einem Thriller entwickelt sich hier eine psychologische Odyssee, bei der keiner der Beteiligten wirklich ganz vernünftig erscheint. Ben lauert hinter dem Haus und beobachtet Sandra, die sich prostituiert und anscheinend nicht von Männern los kommt, die sie schlagen. Jacob lebt in seiner eigenen Welt und ist umgeben von einem Vater, der an ein System glaubt, mit dem er versucht, heraus zu finden, warum passiert, was passiert. Alles in allem erscheinen alle Personen um den Jungen psychologisch geschädigter, als man dem Kind selbst unterstellt. Dabei zieht sich die Geschichte lang hin. Immer mal wieder versucht Beckett kleine Nebenstränge zu entfalten, wie die Geschichte der lesbischen Jessica, die Sarah anscheinend geliebt hat, oder Bens Freund, der eine Affäre beginnt und dem langweiligen Leben noch anderweitig zu entfliehen sucht. Beckett strickt eine durchgehend psychologische Geschichte, die mit einem Thriller aber so gar nichts gemein hat. Die wenigen Spannungsmomente basieren auf den Gewalttaten von Jacobs Vater, wobei ich solcherlei Spannung nie gut heiße und schlicht als Effekthascherei bezeichnen möchte. Die Idee mit dem System, an das der Vater glaubt, wird leider nicht sonderlich weiter ausformuliert, was ich wiederum schade finde, denn gerade dieses Thema hätte sicherlich viel Potenzial gehabt. Stattdessen geht Beckett vor allem auf die Beziehung zwischen Sandra und Ben ein, wobei diese prompt abbricht, weil Ben sich am Riemen zu reißen versucht und seine aufkeimende „Obsession“ unterdrückt. Dieses Abreißen wirkt dabei aber vollkommen unglaubwürdig und nimmt dem Buch den letzten Rest Spannung. Darunter leidet auch die eigentlich gute Charakterisierung von Ben und Jacobs Vater. Jacob selbst und der Autismus spielen dabei leider nur eine sehr geringe Rolle, zwei Drittel des Buches beschäftigen sich ausschließlich mit Ben und seinen wie auch immer gearteten Versuchen, den Jungen zu sich zurück zu holen. Dabei hätte auch der Autismus und die Beziehung zwischen Jacob und seinem Vater noch eine Menge Spannung bringen können. So plätschert die Geschichte vor sich hin, wird manchmal etwas aus dem Trott heraus gezogen, verfällt aber sofort wieder hinein. Der Leser bleibt vermutlich nur dran, weil er die Ungerechtigkeit nicht ertragen kann, die Ben seitens der Behörden zu erleiden hat, die ihn alle nur als Ruhestifter betrachten.
Die Auflösung der Geschichte und das Happy End ist dann so flach geraten, dass man es einfach nur schnell hinter sich bringen will, was einem auch gelingt, denn etwa dreißig Seiten, der über 400, beschäftigen sich gerade einmal damit.
Beckett hat sich mit diesem Buch keinen Gefallen getan. Obwohl der psychologische Ansatz wirklich etwas Wert gewesen wäre, wurde er einfach nicht optimal ausgenutzt, so dass das Buch nicht nur langatmig, sondern auch langweilig wird. Anfang und Ende sind dabei noch erträglich, der Mittelteil nur manchmal etwas aufgelockerter. Alles in allem nicht einmal in Ansätzen mit den Hunter-Romanen Becketts zu vergleichen. Vielleicht war Obsession auch erst einmal nur ein Versuch für Beckett auch auf einer anderen schriftstellerischen Ebene Fuß zu fassen. Ein Versuch, der leider schlecht umgesetzt wurde.
Fazit:
Idee – 4.0
Geschichte – 2.8
Charaktere – 3.4
Atmosphäre – 3.2
Spannung – 2.5
Sprache – 3.8
Endwertung: 3.3 von 5 Punkten. Ein psychologischer Versuch, der viele Ansätze leider nicht gut genug weiterentwickelt, um an Becketts sonstiges Niveau heran zu reichen.
13. März 2011 um 12:58
[...] Obsession [...]